mhk-Restauratoren – Ghostwriter der Geschichte

Sie ist fast 300 Jahre alt, wunderschön anzusehen und erzählt von längst vergangenen Zeiten. Die Perltapete, die in der Löwenburg seit Anfang des 19. Jahrhunderts einen Vorraum zum Damenschlafzimmer ziert, entführt gleich einem Modejournal in die Welt historischer Kostüme. Aus feinstem Seidengewebe, filigran bemaltem Pergament und hunderttausenden glitzernder Glasröhrenperlen entstand ein wahrscheinlich einmaliger Wandschmuck. Wie viele Monate oder gar Jahre daran gearbeitet wurde, ist nicht bekannt. Wo, wann und zu welchem Zweck sie entstand, ebensowenig. Jetzt aber, wo der Perltapete in der Werkstatt der mhk-Restauratoren zu neuem Glanz verholfen werden soll, sind solche und viele andere Fragen vor der eigentlichen Restaurierung möglichst genau zu klären.

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Spannende Herausforderung
„Restauratoren sind oft auch Tüftler“, beschreibt Textilrestauratorin Julia Dummer, einer der zehn mhk-Restauratoren, eine wichtige Facette ihrer Arbeit. Trotz mehrjähriger handwerklicher wie universitärer Ausbildung, viel Wissen um Kunstgeschichte, Chemie und Materialgeschichte und ständiger Weiterbildung sei jedes Projekt eine neue Herausforderung. Eine besonders spannende gerade diese Perltapete, freut sich Julia Dummer, die mitten in der Recherche über den Wandschmuck steckt. Mit einer Pinzette zeigt sie vorsichtig, wie hier feine Risse in der Seidenapplikation entstanden und dort wahrscheinlich schon Glasröhrenperlen irgendwann durch Neue ersetzt wurden. Gemeinsam mit Kollegen aus ihrem Team aber auch erfahrenen Spezialisten andernorts, durch Materialanalysen in einschlägigen Labors und mit Hilfe von Auf- und Durchlichtmikroskopen sowie ultraviolettem Licht wird sie versuchen, die Spuren der Geschichte zu finden und zu deuten. Dann erst folgt die eigentliche
Restaurierung, die genau zu dokumentieren ist.

Präventive Konservierung spielt wichtige Rolle
„Das Ziel ist es, das Original samt seiner Spuren zu bewahren, um Verfälschungen oder Schäden zu vermeiden“, betont die Leiterin des mhk-Restauratorenteams Anne Harmssen. Neben dieser konservatorischen Bearbeitung spiele auch die präventive Konservierung, in der es um die Substanzerhaltung und Pflege des anvertrauten Objekts gehe, eine entscheidende Rolle. Die Perltapete beispielsweise hing in einem hellen Raum. Pures Licht sei aber Gift für Farben und Material. Nicht minder wichtig sei das exakte Klima, insbesondere die Luftfeuchtigkeit, am Ausstellungsort, was in einem Museum meist exakt zu regeln sei, in den historischen Schlössern der Museumslandschaft aber nicht selten zusätzliche Probleme bereite.

Detektivisches Gespür vonnöten
Viel Arbeit für die zehn Restauratoren der Museumslandschaft Hessen Kassel, die sich mit einer Menge Fachwissen und nicht selten detektivischem Gespür in enger Kooperation mit freiberuflichen Kollegen und Kunsthistorikern um den Erhalt der musealen Schätze kümmern. Und davon hat Kassel reichlich, angefangen von Gemälden, Grafiken und Skulpturen über Textilien, steinernen Antiken, Uhren, vor- und frühgeschichtlichen Metallen bis hin zu Kunsthandwerk, Möbeln, Papiertapeten und eben auch Wandbespannungen.

Viele Schätze in Kassel
„Neben Berlin, Dresden und München ist Kassel einer der Museumsschwerpunkte in Deutschland“, stellt Anne Harmssen klar und erklärt die landesweite Bedeutung vor allem mit den wertvollen Gemälden, dem Kunstgewerbe sowie der einmaligen Vielfalt an Schlössern. Den Kasselern selbst sei ihrer Ansicht nach ihr großer Schatz gar nicht so bewusst. Zwar werde der Bergpark selbst schon als außergewöhnlich angesehen, aber auch ansonsten „haben wir allen Grund, stolz zu sein“. Dass jetzt die Museumslandschaft Hessen Kassel im Rahmen eines Millionprojekts besondere Förderung erfährt, werde den Standort zusätzlich aufwerten. Anne Harmssen: „Allein die Neue Galerie wird eine moderne Frische bekommen. Phantastisch!“

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