Neue Spielzeit: Menschheitsdramen im Staatstheater

„Edward Bonds Visionen von Schönheit und Grauen des Lebens werden in diesem Theaterwerk zu einem Menschheitsdrama zusammengefasst: Orpheus fordert die Götter heraus, entlarvt und entmachtet sie mit seinem Gesang und befreit dadurch die Menschen vom Schrecken des Todes, vom Verlust der Liebe, von der Sterblichkeit.“ Wer dies schreibt, ist nicht nur ein wortgewaltiger Formulierer, sondern vor allem einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart: Hans Werner Henze. In den 70er-Jahren hat er seine Ballettmusik zu Edward Bonds Version des antiken Orpheus-Mythos geschaffen. Am 15. September feiert das Werk Premiere am Staatstheater Kassel. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg dirigiert, Tanzdirektor Johannes Wieland zeichnet für Choreografie und Inszenierung dieses „Orpheus“ verantwortlich. Es ist sehr ungewöhnlich und ein schönes Signal für die Stärkung der Sparte Tanz, wenn ein modernes Tanztheaterstück die neue Spielzeit im Opernhaus eröffnet.

Start in die Spielzeit 2012/2013: Intendant Thomas Bockelmann begrüßt die Mitarbeiter des Staatstheaters Kassel an ihrem ersten Arbeitstag nach den Theaterferien im Opernhaus. Foto: Mario Zgoll

Opernfreunde kommen genau eine Woche später auf ihre Kosten, denn am 22. September gibt es Beethovens „Fidelio“ als erste Opernpremiere der neuen Spielzeit. Mit Spannung erwartet wird dabei auch das Dirigat von Yoel Gamzou. 2011 sorgte der junge Überflieger in Kassel mit Mahlers Neunter Sinfonie für Furore, seit der neuen Spielzeit ist der 25-Jährige der neue Erste Kapellmeister des Staatstheaters. Mit einem klassischen Werk aus der Zeit um 1800 beginnt die Saison auch im Schauspielhaus, denn ab dem 14. September ist dort „Amphitryon“ von Heinrich von Kleist zu sehen. Intendant Thomas Bockelmann inszeniert das Lustspiel, in dem Kleist Verwirrungen von Identitäten bis zur Schmerzgrenze auslotet. Jupiter hat sich in Gestalt Amphitryons eine Nacht mit dessen Gattin Alkmene erschlichen. Merkur musste ihn bei diesem Abenteuer begleiten – und stiftete zur Entschädigung für diesen Botendienst kräftig Verwirrung unter den Sterblichen. Im Musiktheater bringt die neue Spielzeit im Oktober die Premiere von Emmerich Kálmáns Operette „Die Csardasfürstin“ (27.10.), bevor die Kinderoper „Das tapfere Schneiderlein“ (3.11.) und Mozarts „Così fan tutte“ (8.12.) folgen. Im neuen Jahr inszeniert Tom Ryser, in Kassel bekannt durch die Produktion „Wirrklichkeit“, Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“ (26.1.). Ein Wiederhören mit dem Barockexperten Jörg Halubek bringt Antonio Vivaldis „L’Olimpiade“ (9.3.), während sich Wagnerianer auf den „Tannhäuser“ (27.4.) freuen – dirigiert wird der Sängerkrieg auf der Wartburg von GMD Ringborg, es inszeniert der mutige wie fantasievolle Regisseur Lorenzo Fioroni. Als Britten-Oper gibt es „The Turn Of The Screw“ (15.6.), und am 22.6. feiert das nun schon 9. Theater-Jugendorchester-Projekt mit dem „Shockheaded Peter” Premiere.

Große Bandbreite
Eine große Bandbreite bieten auch die Neuproduktionen des Schauspiels. Noch im September wird es heftig mit „Gier/Psychose 4.48“ (16.9.) der britischen Dramatikerin Sarah Kane. Der größte englische Dichter folgt mit dem „Kaufmann von Venedig“ (21.9.) – Oberspielleiter Patrick Schlösser setzt das Shakespeare-Stück in Szene. Im November schließen die Uraufführung des neuen Stücks von Rebekka Kricheldorf (23.11) und Frank Wedekinds „Lulu“ (24.11.) an. 2012 gibt es die Uraufführung des neuen Werks von Katja Hensel (1.2.) sowie Georg Büchners „Dantons Tod“ (2.2.), Heiner Müllers „Quartett“ (22.3.), Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ (23.3.), Arthur Schnitzlers „Anatol“ (10.5.) und Coline Serraus „Hase Hase“ (11.5.). Als Sommertheater im Freien wird Goethes „Urfaust“ (28.6.) gezeigt.

Hinzu kommen die weiteren Premieren des Tanztheaters, die neuen Produktionen des Kinder- und Jugendtheaters, etwa die Uraufführung von „Nur ein Ei“ (17.3.) des bekannten Kinderbuchautors Martin Baltscheit, sowie ein breit gefächertes Angebot an Konzerten, beginnend mit der Live-Musik zum Stummfilmklassiker „Metropolis“ (28.9.). Nicht zu vergessen: Bunt wie die gesamte Spielzeit verspricht auch das große Theaterfest am 2. September zu werden.

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.