Neues von Kassels Jazzstars

Unsere Stadt ist eine Jazz-Hochburg. Es gibt eine Fülle an tollen Konzerten, mehrere bekannte Musiker leben hier. Zwei der erfolgreichsten deutschen Piano-Jazz-Formationen kommen aus Kassel: das Edgar Knecht Trio und triosence um Bernhard Schüler. Beide Bands stellen ihre neuen Alben im Staatstheater vor.

Der melodische Songjazz von triosence spricht nicht nur Jazzkenner an, sondern auch jene, die mit Jazz bislang eher wenig anzufangen wussten. Foto: nh

Der melodische Songjazz von triosence spricht nicht nur Jazzkenner an, sondern auch jene, die mit Jazz bislang eher wenig anzufangen wussten. Foto: nh

Antonio Vivaldi, Joseph Haydn, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und Astor Piazzolla haben es schon getan: Sie alle setzten sich mit den Jahreszeiten auseinander. Nun erfolgt ein neuer musikalischer Streifzug durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Wie unerschöpflich das Thema ist, zeigt das Album „Personal Seasons“ von Edgar Knecht. Der Kasseler Pianist und Komponist punktet dabei erneut mit seiner persönlichen Spezialität: dem Auffrischen alter Volkslieder.

Von Kuba bis Sibirien
Als fantasievoller Bearbeiter von Melodien aus dem „Old German Songbook“ und als Künstler, der Jazz, Klassik und Weltmusik mühelos vereint, erlangte Edgar Knecht eine weit über Kassel hinausreichende Bekanntheit. „Wer Volkslieder so souverän weiter entwickelt, setzt Maßstäbe“, schrieb das renommierte Magazin „Rondo“ über eine frühere Aufnahme – nur eine von vielen rühmenden Stimmen aus der Fachpresse. Auch spielte er auf bedeutenden Festivals, war unter anderem in Sibirien genauso zu Gast wie auf Kuba. Große Beachtung fand zuletzt seine Zusammenarbeit mit dem syrischen Pianisten Aeham Ahmad. So wurde diese Formation beim Creole-Festival mit einem Weltmusik-Preis ausgezeichnet.

Reichtum an Stimmungen
Als sein Trio 2018 zehnjähriges Jubiläum feierte, löste die Jahreszeiten-Thematik bei Knecht verschiedene Gedanken aus: über Entstehen und Vergehen, aber auch über die Kraft von Musik, uns in allen Lebens- und Gefühlslagen stets passend zu begleiten. Fasziniert hat den Pianisten insbesondere der Reichtum an Stimmungen, den die Jahreszeiten und ihre Lieder eröffnen. All das realisierte er mit seinen bewährten Trio-Partnern Rolf Denecke (Kontrabass) und Tobias Schulte (Drums, Percussion) sowie dem exzellenten Trompeter Frederik Köster, der schon wichtige Auszeichnungen wie den WDR-Jazzpreis erhalten hat und als Professor an der Hochschule Osnabrück unterrichtet.

„Wer Volkslieder so souverän weiter entwickelt, setzt Maßstäbe“, schreibt die Fachpresse über Edgar Knecht. Der melodische Songjazz von triosence spricht nicht nur Jazzkenner an, sondern auch jene, die mit Jazz bislang eher wenig anzufangen wussten. Foto: Carsten Herwig

„Wer Volkslieder so souverän weiter entwickelt, setzt Maßstäbe“, schreibt die Fachpresse über Edgar Knecht. Der melodische Songjazz von triosence spricht nicht nur Jazzkenner an, sondern auch jene, die mit Jazz bislang eher wenig anzufangen wussten. Foto: Carsten Herwig

Volkslieder, Vivaldi und Schubert
Gleich zwei Jahreszeiten-Zyklen bieten die acht Tracks des Albums. Natürlich gibt es raffiniert bearbeitete Volkslieder wie „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder“ oder „Bunt sind schon die Wälder“. Daneben stehen erfrischende Klassik-Reminiszenzen: „Italian Summer“ huldigt Altmeister Vivaldi mit einem Fest der virtuosen Tonrepetitionen, „Winterschall“ lässt Motive aus Franz Schuberts „Der Leiermann“ auf das Volkslied „Ach bittrer Winter“ treffen. Ein zweites Winterstück ist „The Ship“, basierend auf dem adventlichen Choral „Es kommt ein Schiff, geladen“. Für Knecht sind damit aktuelle Assoziationen verbunden, und zwar die „Assoziation, mit dem, was auf dem Mittelmeer passiert“, sagt er im Album-Trailer.

CD-Release-Konzert am 8. September
Beim Kasseler Jazz-Frühling des Theaterstübchens war das Publikum hellauf begeistert, als das Trio gemeinsam mit Frederik Köster die neue Jahreszeiten-Musik im Opernhaus vorstellte. Ein halbes Jahr nach dem umjubelten Preview-Abend folgt nun am 8. September, wieder im Opernhaus, das CD-Release-Konzert. Mit dabei: Frederik Köster, eine Uraufführung und eine faustdicke Überraschung. Das Konzert wird übrigens die weltweit erste Gelegenheit sein, das im Herbst erscheinende Album in Händen zu halten und zu erstehen. Im September wird das Edgar Knecht Trio auch zur Konzertreise in die USA aufbrechen.

Komplex und ganz natürlich
Es gibt komplizierte Musik, die dementsprechend klingt. Und es gibt solche, der man die Komplexität nicht gleich anmerkt. Komplexe Musik schreiben, die ganz natürlich daherkommt, und umgekehrt das Einfache nie einfältig klingen lassen: Das sind wichtige ästhetische Aspekte für den Kasseler Pianisten und Komponisten Bernhard Schüler. Seit zwanzig Jahren verfeinert er den „Songjazz“, den er mit der Formation triosence entwickelt hat. Dank seiner melodischen Klarheit spricht dieser Songjazz nicht nur Jazzkenner an, sondern auch jene, die mit Jazz bislang eher wenig anzufangen wussten – eine Gemeinsamkeit mit Edgar Knecht.

Wie der Volkslied-Auffrischer erfreuen sich auch triosence beachtlicher Erfolge. So hat die Band diverse Musikpreise und enthusiastische Rezensionen eingeheimst. Schon vor Jahren bemerkte zum Beispiel ein japanisches Jazz-Magazin: „Das Trio, das unseren Eindruck vom steifen deutschen Jazz weggewischt hat.“ Die Formulierung des Kritikers aus dem Fernen Osten ist zwar unfair gegenüber anderen deutschen Musikern, weist aber auf den Stellenwert der Band hin.

scorpio rising
Zum 20-jährigen Band-Jubiläum präsentieren triosence nun ihr neues Album „scorpio rising“. Bernhard Schüler folgt diesmal einem geradezu philosophischen Ansatz, setzen sich seine Kompositionen doch mit der universellen Verbundenheit allen Seins auseinander. Und er bekennt, wozu ja ein gewisser Mut nötig ist: „In den letzten Jahren habe ich eine Faszination für Astrologie entdeckt.“ Doch keine Angst: Man muss kein Esoteriker sein, um die Musik genießen zu können. Sie lässt Raum für eigene Emotionen, Gedanken und Träume.

Überraschend reiner Jazz
Die elf Tracks zeigen triosence in Glanzform – mit mal poetischen, mal energievollen Stücken Schülers. An den Tasten bietet er, ganz Ästhet, eine elegante Phrasierung und überrascht mehrmals mit „reinem“ Jazz, was selbst Nörgler überzeugen dürfte, die triosence ins kommerzielle Eck stellen wollen. Eine großartige Jazznummer ist das so swingende wie kunstvoll modulierende Stück „going in circles“. Manchmal gibt es zudem stilvolle Verbeugungen vor seinem „all-time piano hero“ Bill Evans. Schülers ausgezeichnete Mitspieler sind Kontrabassist Omar Rodriguez Calvo und Schlagzeuger/Percussionist Tobias Schulte, der auch Mitglied von Edgar Knechts Trio ist.

Ausgedehnte Jubiläumstour
Das neue triosence-Album erscheint am 30. August. Auf ihrer ausgedehnten Jubiläumstour konzertiert die Band selbstverständlich in Kassel, und zwar am 17. November im Schauspielhaus. Der Abend bildet zugleich den Auftakt der „1. Internationalen FlügelWoche“ des Theaterstübchens, denn bis zum 22. November wird der Club in der Jordanstraße zum Schauplatz weiterer Auftritte hochkarätiger Tastenkünstler wie etwa des Schweden Martin Tingvall. Beim Jazz-Frühling vor zwei Jahren lobte Bernhard Schüler denn auch das Engagement von Theaterstübchen-Chef Markus Knierim: „Es ist unglaublich, was du auf die Beine stellst.“

Edgar Knecht: „Personal Seasons“ (Ozella Music).
Release-Konzert: 8. September, Opernhaus.

triosence: „scorpio rising“ (Sony Music, OKeh Records).
Release-Konzert: 17. November, Schauspielhaus.

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