Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Preisgekrönter Sprechgesang

10. Oktober 2018 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Seit fast 30 Jahren sind sie die Superstars der deutschen Sprechgesangszene. Und 2018 stellen sie unter Beweis, dass sie kein bisschen müde geworden sind. Ein neues Album und eine große Tournee. Nun sind sie mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet worden und dieser wird in Kassel verliehen: Die Fantastischen Vier. Angesichts der aktuellen Hip-Hop-Debatte tut das gut. Wir sprachen mit Thomas D über den Preis, die Debatte und das aktuelle Album.

„Die Fantastischen Vier sind Wegbereiter einer neuen deutschen Musikgeschichte. Zu einer Zeit, in der Sprechgesang mit der englischen Sprache verknüpft war, waren sie die ersten, die sich ihrer Muttersprache bedienten, ähnlich wie Udo Lindenberg, der das Deutsche in der Popmusik etablierte“, so die Begründung der Jury. Foto: Robert GrischekJérôme: Wir gratulieren Euch ganz herzlich zur Wertschätzung Eurer Arbeit mit der Verleihung des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache 2018. Wie fühlt es sich an, sich in die Liste der Preisträger wie Loriot oder Udo Lindenberg einzureihen?

Thomas D: Es ist uns eine große Ehre.

Jérôme: Wie bewertet Ihr – die Lässigkeit und Wortgewandtheit par excellence – die Wirkung von Sprache und Ausdrucksweise?

Thomas D: Was zwischen den Ohren passiert, wenn man Worte hört, einen Reim, einen Text, einen Song in der eigenen Sprache, daran bewerten wir die Wirksamkeit der Poesie und damit auch die Qualität der gewählten Worte. Es ist was bei jedem eigenen im Kopf passiert, wenn er die Worte hört.

Jérôme: In der aktuellen Hip-Hop-Debatte geht es um die dunkle homophobe, misogyne, gewaltverherrlichende und antisemitische Seite des deutschen Hip-Hop. Wie weit darf Rap gehen? Was ist künstlerische Freiheit?

Thomas D: Künstlerische Freiheit ist, wenn der Künstler sich einen Dreck darum kümmert, was das Werk mit den Leuten macht, die es anhören, ansehen oder sich damit auseinandersetzen. Inwiefern künstlerische Freiheit gerechtfertigt ist und inwiefern man eine Verantwortung hat, gegenüber seinen Fans oder Menschen, die an seiner Kunst teilhaben, das muss jeder Künstler selbst entscheiden. Deshalb ist auch die Frage, wie weit Rap gehen darf, in der Verantwortung des Einzelnen. Es sei denn, man bricht damit Gesetze oder die Ehre eines anderen, denn die ist ja unantastbar. Dann muss natürlich auch ein System greifen, dass verhindert, dass menschenfeindliche Schriften oder Songs veröffentlicht werden dürfen – innerhalb einer in unserer Demokratie funktionierenden Meinungsfreiheit kann sich der Künstler natürlich ziemlich viel erlauben. Ich persönlich bin der Meinung, dass der Künstler in dem Moment, wo er etwas auf den Markt bringt, also etwas veröffentlicht, durchaus eine gewisse Verantwortung hat, die über seine eigene künstlerische Freiheit geht. Denn wir alle wissen ja, was für einen starken Effekt Musik auf den Einzelnen haben kann und wie im besten Fall inspirierend, im schlechtesten Fall manipulierend Kunst sein kann.

Jérôme: Das neue Album „Captain Fantastic“ wurde von DJ Thomilla produziert und von einem Think Tank aus Samy Deluxe, Curse und Damion Davis unterstützt. Und eine Reihe von Kollegen wurden ins Boot geholt: Clueso, Soulsänger Flo Mega und Jazzmusiker Tom Gaebel. Welcher Moment in dieser Zusammenarbeit hat Euch am meisten bewegt?

Thomas D: Das sind sehr viele kleine Momente, in denen man mit großartigen anderen Menschen zusammentrifft, mit ihnen arbeitet und Ideen austauscht. In denen man merkt, dass alle nur mit Wasser kochen oder auch wie begnadet der ein oder andere im Umgang mit Gesang, Worten oder Musik ist. Wir haben auf dieser Reise, bei diesem Album, wirklich Menschen getroffen, mit denen wir auch in nächster Zeit weiterarbeiten wollen und es war tierisch inspirierend und bereichernd für uns, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Jérôme: Der Spiegel betitelt Euch als hochversierte Befindlichkeitsrapper. Seid Ihr politischer geworden?

Thomas D: Wir waren schon immer als Personen politisch engagiert und interessiert, haben es aber aus der Band immer herausgehalten. Denn wir als Künstler wollen etwas schaffen, was eine längere Halbwertszeit hat, als eine politische Aussage. In der heutigen Zeit allerdings, wo es doch an allen Ecken brennt (wahrscheinlich wie immer), dachten wir uns, scheiß drauf. Da muss mal auch mal zur Sache kommen und wir haben auch festgestellt, dass viele Menschen die klare Aussage zum Beispiel in Endzeitstimmung sehr schätzen und sich darin auch widerspiegeln können. Vielleicht sogar mehr als in einem hochpoetischen, mehrdeutigen Evergreen.

Jérôme: Ihr seid Superstars. Hat man da noch Vorbilder?

Thomas D: Vielen Dank für das Kompliment. Ich weiß nicht, ob wir Superstars sind, aber Vorbilder hatten wir tatsächlich noch nie. Vielleicht haben wir uns früher eher mit den Beastie Boys verglichen, aber weniger musikalisch, sondern eher vom Werdegang her. Und wir wollten auch immer vieles anders machen, als die anderen, deswegen konnte man hier nie von Vorbildern sprechen.

Jérôme: Eine Zeitkapsel beamt Euch in jede beliebige Zeitepoche. Für welche Epoche würdet Ihr Euch entscheiden oder welche Person aus der Vergangenheit würdet Ihr gerne treffen?

Thomas D: Ich denke, ich wurde eher in die Zukunft reisen. Einen kleinen Einblick bekommen, wohin diese Reise geht. Denn die Zeiten sind sehr spannend und gleichzeitig in einer Mischung aus Zukunftsangst und Hoffnung, dass wir die großen Probleme, die die Menschheit betreffen, vielleicht doch noch lösen können. Und, wenn ich in die Vergangenheit zurückreisen müsste, dann würde ich wohl das Ägypten besuchen, weil es doch nach wie vor spannend ist, wie damals die ganze Hochkultur den Bach runtergehen konnte. Vielleicht lernen wir daraus auch etwas dann für unsere Zukunft.

Wir bedanken uns ganz herzlich für Eure Zeit und freuen uns auf ein Wiedersehen bei der Preisverleihung im Oktober in Kassel.

Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache
Der dreiteilige Kulturpreis Deutsche Sprache wird seit 2001 von der Eberhard-Schöck-Stiftung und vom Verein Deutsche Sprache e. V. für besondere Verdienste um die deutsche Sprache vergeben. Die Preisverleihung findet am 13. Oktober 2018 in Kassel statt und der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre wird die Laudatio halten.

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