Reinhard Karger – Auf dem Weg nach Wien

Lange ist es her, so an die acht Jahre, dass ich Reinhard Karger zum ersten Mal sah.  Es war bei einem Kabarettabend über die nicht immer charmanten Seiten der Wiener Seele. Die Zeitung hatte mich, einen gebürtigen Wiener, gleichsam als Experten hingeschickt, und so hörte ich im Theaterstübchen u.a. Helmut Qualtingers böses Lied „Bei mir seids alle im Oasch daham“. Die Protagonisten waren zwei österreichische Schauspieler und Karger, der am Klavier begleitete. Jemand sagte mir, dass er im Hauptberuf Komponist von Neuer Musik sei. Ein Komponist beim Kabarett, frei von elitärem Dünkel – ich fand das sehr erfrischend.

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

In der Zwischenzeit lernte ich einiges von seiner Musik kennen. Streng präsentiert sie sich, kein Ton ist zu viel. „Zu bunt“, sagt er gern, wenn er bei einem anderen Komponisten eine formal unschlüssige Reihung von Effekten bemerkt. Doch zur Nicht-Beliebigkeit, bereits an sich eine beträchtliche Qualität, kommt in seinen Stücken noch etwas hinzu: Unter der strengen Oberfläche brodelt es. Verbindungen von Ruhe und Spannung, Ordnung und Chaos und von Schönheit und Brüchigkeit scheinen ihn zu interessieren. Die „paradoxe Einheit von höchster Wachsamkeit und tiefem Fallenlassen“ ist für ihn der Zustand, der allein das ästhetische Abenteuer ermöglicht.

Eine brüchige Schönheit haben etwa die Moll-Anklänge in seiner Proust-Hommage „La Vie c’est Ailleurs“ – der zerbrechlich-lädierte Instrumentalsound in manchen Songs des in einem gänzlich anderen Genre angesiedelten Tom Waits ist nicht so fern. Übrigens schätzt er Tom Waits tatsächlich, was wohl nicht viele Vertreter des ernsten Fachs tun. Und er hat ein bemerkenswertes Hobby. Seit 45 Jahren spielt er Tischtennis (im Moment beim KSV Auedamm), weil er die Mischung aus Körperlichkeit und mentaler Schnelligkeit in diesem Sport mag.

Karger, 1953 in Tübingen geboren, lebt seit 1985 in Kassel. Bekanntheit auch außerhalb des Avantgardekreises erlangte er durch Musiktheater-Projekte wie „Ich will keine Schokolade“, die er mit seiner Frau, der Autorin und Journalistin Verena Joos, konzipierte – 2004 wurden die beiden mit dem Kulturförderpreis der Stadt Kassel ausgezeichnet. Karger ist künstlerischer Leiter der Reihe „Soundcheck“ und wurde vor drei Jahren Professor an der Universität Kassel. Was die Zukunft bringt? Im Februar wird ein Stück von Karger und Joos beim renommierten Stuttgarter Festival ECLAT uraufgeführt. Die wichtigste neue Nachricht bedeutet einen Verlust für die Uni und das Kasseler Kulturleben: Seit dem 1. November 2008 hat Reinhard Karger eine Professur für Komposition an der Musikuniversität Wien inne. Für den Sommer plant er den Umzug in die Donaumetropole mit Verena Joos und Sohn Willy. Die nicht immer charmanten Seiten der Wiener Seele kennt er ja schon.

www.reinhard-karger.de
www.soundcheck-kassel.de

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