Rendevouz mit Jean Pierre

classic-nightDamals als Teenager in den frühen 80er Jahren fand ich es einfach gut. Das melodische Motiv hatte eine geradezu herausfordernde Simplizität, unverwechselbar klang die Trompete. Auch das rockige Gitarrensolo erfreute mich, es war das sprichwörtliche Salz in der Suppe, ein Hendrix-Salz gewissermaßen. „Jean Pierre“ heißt die Nummer, sie ist das erste Stück auf Miles Davis‘ Album „We Want Miles“. Und das Gitarrensolo kam von Mike Stern.

Rund 25 Jahre später, am 24. Oktober 2008, gastierte Mike Stern im voll besetzten Kasseler Schauspielhaus beim 16. Jazzfest Kassel. Von nostalgischem Reiz war der Auftritt gewiss auch für andere Zuhörer, die sich in ihrer Jugend an „We Want Miles“ und anderen Fusion-Alben begeistert hatten. Wer jedoch Jazz mit Rock-
elementen nicht ausstehen kann, war so fehl am Platz wie ein Vegetarier in einem Steakhaus.

Was sich jenseits der subjektiven Präferenzen über das Konzert sagen lässt? Nun, Mike Stern, der hochvirtuose Schlagzeuger Dave Weckl, der distanziert wirkende, aber musikalisch effektive Trompeter Randy Brecker und der versierte Bassist Chris Minh Doky zauberten eine Perfektion hin, wie man sie in unserer Gegend so oft nun auch wieder nicht geboten bekommt. Eine
enorme, dabei stets kontrollierte Energie strahlte Stern aus, als er sich in seinen Soli minutenlang durch chromatische Skalen spielte. Klar, war es laut – aber in den Balladen verstand er es auch, den Pegel zu drosseln.

Ganz am Schluss packte die Band mit einer flotten Version des erwähnten Titels „Jean Pierre“ aus, was dann doch an die gewaltige Differenz zu Miles Davis erinnerte. Als eine Art Picasso des Jazz wechselte Miles Davis die Stile und die Aufmachungen seiner Musik, ein Bandleader voller Neugierde. Bei Stern darf man dagegen Wetten darüber abschließen, dass seine Musik in zehn Jahren genauso klingen wird wie heute.

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