„Tristan geht an die Substanz“

Der Echo-Klassik-Preisträger Constantin Trinks dirigiert im Opernhaus Richard Wagners „Tristan und Isolde“
Der Dirigent Constantin Trinks ist ein international renommierter Experte für deutsche Romantik – in Berlin und Dresden ebenso gefragt wie in Wien, Prag oder Tokio. Der gebürtige Karlsruher begann seine Laufbahn am Badischen Staatstheater, wechselte dann nach Saarbrücken und war von 2009 bis 2012 Generalmusikdirektor in Darmstadt. Im Wagnerjahr 2013 engagierten ihn die Bayreuther Festspiele für die Neuproduktion von Richard Wagners früher Oper „Das Liebesverbot“, später dirigierte er sie auch in Straßburg. Zu seinen CD-Einspielungen gehört eine ergreifende Aufnahme der einzigen Sinfonie von Hans Rott (1858–1884) – der frühverstorbene Österreicher war der Lieblingsschüler Anton Bruckners und ein Studienkollege von Gustav Mahler. Für dieses Album wurden Trinks und das Mozarteumorchester Salzburg im Vorjahr mit dem Echo Klassik ausgezeichnet. Ab Mai kann das Kasseler Publikum Constantin Trinks als Gastdirigenten erleben: Am Staatstheater leitet er die Neuproduktion von Richard Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“, das als Höhepunkt der Romantik von unstillbarem Liebessehnen erzählt. Wir sprachen mit ihm über Hans Rott und seine Leidenschaft für Wagner.

Constantin Trinks. Foto: Barbara Aumüller

Constantin Trinks. Foto: Barbara Aumüller

Jérôme: Herr Trinks, nur wenige Leser dürften schon von dem Komponisten Hans Rott gehört haben. Was macht für Sie die Qualität seiner Sinfonie aus?

Constantin Trinks: Die Originalität. Hans Rott hatte geniale Einfälle, die damals neu waren und wovon Gustav Mahler sich hörbar inspirieren ließ. Vieles, was für uns typisch nach Mahler klingt, nahm Rott bereits vorweg. Das fasziniert mich unter einem musikgeschichtlichen Aspekt, doch auch der Anspruch des Werkes ist beeindruckend: Rott war zwanzig und schrieb eine einstündige Sinfonie großen Ausmaßes. Sie stellt an die Ausführenden sehr hohe Anforderungen. Sicher hätte Rott Mängel in der Instrumentierung noch korrigiert, hätte er jemals eine Aufführung erleben dürfen. Aber das war ihm ja nicht vergönnt. Trotz allem ist das Werk, was die Erfindung angeht, genial. Das Scherzo ist ein perfekter Sinfoniesatz, so wie er auch von Mahler hätte geschrieben werden können.

Jérôme: Wann haben Sie Ihre Passion für Richard Wagner entdeckt?

Trinks: Das ging los mit elf. Das erzähle ich immer wieder, weil ich es auch gerne weiterempfehle: Es gibt mit Will Quadflieg als Erzähler die Hörspielreihe der Deutschen Grammophon „Wir entdecken Komponisten“. Darunter ist auch eine Wagner-Folge, und die schlug mich in den Bann, besonders die sphärischen Klänge des „Lohengrin“ faszinierten mich. Dies war auch die erste Wagner-Oper, die ich live im Opernhaus erlebte. Für mich eine Initialzündung, denn die Musik hat mich richtig hineingesaugt. Dann musste ich alles kennenlernen und hören, was es von Wagner gibt. Deshalb freue ich mich sehr, dass meine Karriere so gelaufen ist: Heute kann ich Wagner tatsächlich als einen Schwerpunkt meiner Arbeit betrachten.

Jérôme: Wann haben Sie „Tristan und Isolde“ erstmals dirigiert?

Trinks: Das war 2015 in Sofia, und es war das letzte der großen Wagner-Werke, das ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht dirigiert hatte. Ich weiß nicht, ob sich meine Einschätzung noch ändert, aber es ist für mich das anstrengendste Stück Wagners, obwohl es bei weitem nicht das längste ist. Das liegt sicher an der unglaublich niederdrückenden Stimmung und Todessehnsucht, die der dritte Akt vermittelt. „Tristan“ geht an die Substanz. Übrigens wurde ich nach der Premiere krank, nichts Dramatisches zwar, aber ich war physisch am Ende. Das ist mir nie zuvor passiert, bei keinem anderen Stück Wagners.

Jérôme: Ist Dirigieren eine emotionale Herausforderung?

Trinks: Bei aller Emotionalität, die man natürlich zeigen oder fordern muss, ist es letztlich auch ein Handwerk. Es ist nicht nur geniale Kunst, beziehungsweise: Die geniale Kunst kommt erst, wenn die Basis-Parameter erfüllt sind, und die gründen eben auf einem Handwerk. Natürlich geht es darum, einen dramatischen Aufbau zu gestalten. Aber man dirigiert nicht vom ersten bis zum letzten Takt in purer Ekstase, das geht gar nicht.

Jérôme: Apropos Handwerk. Sie selbst haben es von der Pike auf gelernt und ihre Laufbahn als Repetitor und Kapellmeister begonnen…

Trinks: Das halte ich auch nach wie vor für den idealen Weg. Gerade für einen Operndirigenten ist es von unschätzbarem Nutzen, wenn man erstmals als Assistent eine Bühnenmusik dirigiert, mit Sängern Partien einstudiert, szenische Proben leitet oder auch mal ein Abenddirigat ohne Probe übernimmt. Da lernt man den Beruf wirklich.

Jérôme: Haben Sie schon zuvor in Kassel dirigiert?

Trinks: Nein, es ist mein erstes Mal. Allerdings war ich schon als Zuhörer im Kasseler Opernhaus. Ich freue mich sehr auf die „Tristan“-Neuproduktion – auch deshalb, weil Stephan Müller ein hervorragender Regisseur ist. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und die wichtigen Frage geklärt: Was wollen wir von dem Stück, was glauben wir, was darin steckt.

Tristan und Isolde. Premiere: 26. Mai, Opernhaus. www.staatstheater-kassel.de

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.