Verbale 45er

Franz Dobler ist der letzte seiner Art – in vielerlei Hinsicht. In den Zeitungen wird er gerne als „der letzte Cowboy unter den deutschen Schriftstellern“ bezeichnet. Wohl weil seine Helden irgendwie dem entsprechenden amerikanischen Mythenkosmos zu entstammen scheinen. Nur eben in der bayerischen Provinz, manchmal auch in der Großstadt. Es sind Typen, die immer einen lässigen Spruch auf den Lippen haben und die Kanone sprechen lassen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt.

Einsame Typen. Lonesome Cowboys eben. Das erste Buch des Outlaw-Autors (Welt), „Jesse James und andere Westerngedichte“ aus dem Jahr 1991, befasste sich gezielt mit dem Thema und legte wohl den Grundstein für Doblers Ruf.

The Beast in Me
Dobler selbst bezeichnet sich als den „letzten gottverdammten Punkrocker aus seiner Generation“. Allerdings sei er nicht der einzige Punkrocker, der 1976 keine Ahnung gehabt habe und sich inzwischen gerne mit Countrymusik beschäftige. Ende der 1980er Jahre entwickelte Dobler eine Liebe zur Countrymusik, die immer mehr auch zum Thema seiner Autorentätigkeit wurde. 1999 schrieb er unter dem Titel „Auf des toten Mannes Kiste“ eine Country-Kolumne für die Tageszeitung Junge Welt, die im gleichen Jahr in Buchform erschien. 2002 veröffentlichte der Country-Musik-Liebhaber seine Johnny-Cash-Biografie „The Beast In Me“ zum 70. Geburtstag des Musikers, die ein großer Erfolg wurde.

Nicht zuhause Mama
Überhaupt spielt Musik eine große Rolle in Doblers Schaffen. Er verfasst regelmäßig Beiträge zu Musikthemen, unter anderem für die tageszeitung, die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung sowie für die Musikzeitschriften Rolling Stone und Spex. Seit 1995 gibt er CD-Serien heraus, darunter 1996 „Nicht zuhause Mama: Perlen deutschsprachiger Popmusik“. Seit 2004 steht er regelmäßig mit dem „The DJ Hoerspiel Ensemble“ auf der Bühne, wo er das Auflegen von Musik verbindet mit Tonträgern, die unterschiedliche Formen von Text enthalten, von der politischen Rede bis zur pornographischen Äußerung, mit den Sounds des Hörspiels und der elektronischen Musik.

Rock `n` Roll Fever
Im Herbst 2010 erschien „Rock `n` Roll Fever“, ein gemeinsames Projekt mit dem Berliner Maler Guido Sieber. Dobler, der seit 1991 in Augsburg lebt, trug den geschriebenen Teil zu der fast hundertjährigen Geschichte der populären Musik in Bild und Text bei. Seine Aufgabe war es im Wesentlichen, auf Siebers Bilder zu reagieren. Doch wäre er nicht Franz Dobler, wenn er dem Projekt nicht seinen eigenen Stempel aufgedrückt hätte. In sieben Essays erzählt er Anekdoten zu den Hintergründen des Musikbusiness – gnadenlos, schonungslos, hemmungslos. Über Yoko Ono schreibt er beispielsweise: „Viele werfen ihr vor, die Beatles getrennt zu haben – warum wirft niemand diversen Stones-Frauen vor, dass sie nicht die Eier hatten, die Stones zu trennen?“

Normal kann jeder
Auch „der letzte Gentleman der Gegenwartsliteratur“ wird Dobler genannt. Er trägt stilechte Anzüge, gern auch eine dunkle Sonnenbrille, ist selten ohne Zigarette zu sehen und scheint irgendwie aus der Zeit gefallen. Zu Frauen sei er immer nett, sagt der 1959 im bayerischen Schongau geborene Autor, Journalist und DJ über sich – selbst wenn während einer seiner Lesungen ihr Handy klingele, „aber Handyheinze müssen dann schon etwas büßen“. Für die habe er stets eine „verbale 45er parat“. Auch während seiner Lesungen darf indes Musik nicht fehlen. Oftmals spielt er Stücke ein, um seine Texte zu ergänzen. „Ich mache die Musik immer so laut, dass Gespräche kaum möglich sind.“ Er sei zwar nicht der Erste, der das Lesen mit Musik verbinde – und in diesem Fall wird er wohl auch nicht der Letzte sein – aber er mache das länger als alle anderen. Dobler legt wert auf seinen Rebellen-Status. Normal kann schließlich jeder.

Guido Sieber – Rock `n` Roll Fever
mit Texten von Franz Dobler

Ausstellungsdauer:     bis 29. Mai 2011
Öffnungszeiten:     Do, Fr 14 bis 20 Uhr und Sa, So, feiertags 12 bis 20 Uhr
Ort:     CARICATURA – Galerie für Komische Kunst im
KulturBahnhof, Bahnhofsplatz 1, 34117 Kassel
Öffentliche Führung:      Jeden Sonntag um 15 Uhr
Eintritt:    3 Euro
www.caricatura.de

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