Warum hast Du so große Augen … ?

Riesiges Manga-Gemälde für das Brüder Grimm-Museum

Kassels Verbindungen nach Japan sind eng. Nicht etwa wegen der Weltkunstausstellung documenta oder der zahlreichen weiteren Kunstschätze dieser Stadt: Jacob und Wilhelm Grimm sind es, deren gesammelten Märchen halber Kassel im „Land der aufgehenden Sonne“ weithin bekannt ist. Bereits 1887 erschien von „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“, dem Kinder- und Hausmärchen Nr. 5 der Brüder Grimm, eine japanische Ausgabe, illustriert mit farbigen Holzschnitten, zu Beginn des 20. Jahrhundert wurden die Märchen sogar Teil des schulischen Lehrplans und derzeit bietet der japanische Buchmarkt gleich fünf miteinander konkurrierende Gesamtausgaben der Grimmschen Märchen an. Dass solche Präferenzen keine Einbahnstraße sein können, war für Dr. Bernhard Lauer, den Leiter des Grimm-Museums, der Japan in Sachen Grimm schon mehrfach bereist hat, selbstverständlich und so fiel sein Interesse schnell auf die aktuelle japanische Adaption der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, in Gestalt ihrer neuen Interpretation durch Mangas, die japanische Variante der Comics, die, den dortigen Lesegewohnheiten entsprechend, von hinten nach vorne gelesen werden. Den in Kassel zusammengetragenen Märchen widmen sich japanische Zeichner in den letzten Jahren verstärkt: So wurde allein 2007 in Tokyo eine dreibändige, rund 1.500 Seiten umfassende und von der Manga-Künstlerin Masakazu Higuchi gezeichnete Gesamtausgabe der Grimm-Märchen veröffentlicht, wie auch, im Hamburger Verlag Tokyopop, der Band „Grimms Manga“, in dem die Manga-Künstlerin Kei Ishiyama ihre spezielle Version von „Rotkäppchen“, „Hänsel und Gretel“, „Die zwei Brüder“, „Die zwölf Jäger“ sowie „Rapunzel“ vorstellt.

Das riesige Manga-Gemälde für das Brüder Grimm-Museum. Foto: Mario Zgoll

Kaum gemalt und schon im Museum
„Ich bin vielleicht selbst ein bisschen zu alt für diese Manga-Bewegung“, so Dr. Lauer im Gespräch mit Jérôme, „aber das Grimm-Museum muss sich ja auch der Moderne stellen – und Mangas sind eben Jugendkultur pur. In Japan ist das eine ganz große Sache, und da muss man dann auch dran bleiben.“ Beherzt griff der Museumsleiter daher zu, als sich 2008 im Rahmen der jährlich in Kassel veranstalteten „Connichi“, einer dreitägigen Zusammenkunft der Freunde von Anime und Manga, japanischer Zeichentrickfilme und Comics, die Möglichkeit bot, ganz aktuell entstandene Grimm-Neu- und Uminterpretationen japanischer Prägung auszustellen. Denn speziell zur Vorstellung während der Connichi war zuvor unter Manga-Künstlern ein Wettbewerb zum Thema Märchen ausgeschrieben worden, dessen Ergebnisse Dr. Lauer schließlich unter dem Motto „Grimm trifft Manga“ in seinem Museum präsentieren konnte, eingeleitet mit einer Sonderpreis-Verleihung an die 17-jährige Manga-Künstlerin Nana Kyere, für deren zeichnerische Interpretation von „Rotkäppchen“. Die sich hier bereits bewährende Zusammenarbeit zwischen der Brüder Grimm-Gesellschaft, der Deutschen Märchenstraße, dem Münchner „Connichi“-Veranstalter Animexx sowie der Fuldaer Agentur ImKontext wurde für die „Connichi 2009“ mit einem weiteren Zeichenwettbewerb fortgesetzt, zum Thema „Märchen meets Manga“.

Dr. Bernhard Lauer, den Leiter des Grimm-Museums. Foto: Mario Zgoll

Viereinhalb Quadratmeter Märchen
Anfang August 2011 konnte das Brüder Grimm-Museum nun einen besonderen, zudem auch noch besonders großen „Moderne“-Zugang verbuchen, in Gestalt eines 3 Meter breiten und 1,50 Meter hohen Grimm-Manga-Gemäldes, das im Rahmen der in Bonn veranstalteten „AnimagiC“, ebenfalls eine Zusammenkunft der Freunde von Anime und Manga, entstanden war. Zur dortigen Präsentation ihres neuen „Grimms Manga“-Sonderbandes hatte der Verlag Tokyopop die daran beteiligten Manga-Zeichnerinnen – sogenannte Mangaka – aufgefordert, die Leinwand live während der „AnimagiC“ zu bemalen, als Gemeinschaftsproduktion. „Das war eine ziemliche Herausforderung“, so Tokyopop-Marketingchef Sam Aminfazli. „Denn die Leinwand war im Verbindungsgang zwischen zwei Gebäuden aufgestellt, und es ist wirklich etwas ganz anderes, ob man zuhause an seinem Zeichenbrett sitzt oder inmitten von lebhaftem Besucherverkehr zeichnen muss.“ Fünfeinhalb Stunden habe die Aktion gedauert, für das Kolorieren sei leider keine Zeit mehr gewesen: „Das hätte dann noch einmal zwei Tage gedauert“, so Aminfazli. Das fertige Werk von Anike Hage, Anna Hollmann, Misaho Kujiradou, Mikito Ponczeck, Inga Steinmetz, Luisa Velontrova, Nina Werner und Reyhan Yildirim wurde bereits am nächsten Tag nach Kassel geliefert und dort Dr. Bernhard Lauer überreicht – als freundschaftlich verbundene Schenkung. „Derzeit haben wir dafür leider noch nicht genug Platz. Aber sobald die Verhältnisse es zulassen, werden wir das Bild auf jeden Fall ausstellen!“, so Lauer beglückt.

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