Yoel Gamzou: Eine erstaunliche Liebesbeziehung

Die Fachpresse ist voll des Lobes für ihn, nennt ihn einen „genialisch Besessenen“. Große internationale Beachtung fand seine Vollendung der von Gustav Mahler als Fragment hinterlassenen Zehnten Sinfonie. Nun kommt Yoel Gamzou an den Ort, an dem der junge Mahler vor 130 Jahren wirkte. Ab der neuen Spielzeit ist Gamzou Erster Kapellmeister des Staatstheaters Kassel, wo er am 22. September die Premiere von Beethovens „Fidelio“ dirigieren wird. Auch im Gespräch übermittelt der 25-Jährige einen mitreißenden Elan.

Fotomontage aus den Fotos von N. Klinger (Orchester) und Oran Greier

Jérôme: Herr Gamzou, was war Ihr erstes Mahler-Erlebnis?

Yoel Gamzou: Ich war sieben Jahre alt und hörte zufällig bei meiner Mutter eine Aufnahme der Siebten Sinfonie. Es war der Moment, der mein Leben verändert hat, denn ich lernte eine Welt kennen, bei der mir sofort klar war, dass ich Musiker werden musste.

Jérôme: Was macht Mahler für Sie so einzigartig?

Gamzou: Er ist für mich der einzige Komponist, bei dem ich das gesamte Spektrum der menschlichen Emotionen und menschlichen Zustände erleben kann. Ich bin zwar ein großer Bewunderer Schuberts, auch das ist Musik, die mich zutiefst berührt. Aber die ganze Bandbreite, alles zwischen Intimität und Wut, zwischen göttlicher Heiligkeit und dem profanen Hässlichen – das hat nur Mahler für mich.

Jérôme: Wie lernten Sie Kassel kennen?

Gamzou: Es war eine ungewöhnliche Geschichte, die da im Mai 2011 begann. Ich war in Amsterdam und bekam den Anruf meines Managers: Möchtest Du in zwei Tagen bei Mahlers Neunter einspringen in Kassel? Ich muss zugeben, dass ich nicht wusste, wo die Stadt liegt. Zwar freute ich mich sehr, aber ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Also holte ich von Berlin mein Notenmaterial und fuhr nach Kassel. Es war sehr schnell eine erstaunliche Liebesbeziehung mit dem Orchester, es war eine berührende und einmalige Erfahrung mit Menschen, die sich trotz Routine eine große Leidenschaft und Offenheit bewahrt haben. Das Niveau des Kasseler Orchesters wird meiner Meinung nach total unterschätzt. Ich bin überzeugt davon, dass sie gar nicht wissen, wie gut sie sind und wie gut sie sein können. Ich werde das Konzert nie vergessen.

Jérôme: Wie ging die Liebesbeziehung weiter?

Gamzou: Dann kam das Angebot vom Orchestervorstand, erster Gastdirigent zu werden, was damals hieß, einmal im Jahr ein Sinfoniekonzert zu dirigieren. Ich freute mich sehr, war oft auch in Kassel und wollte das Orchester immer wieder hören, aus Zuneigung und Interesse. Doch dann kam noch ein Anruf mit dem Hinweis, dass der erste Kapellmeister weggeht, und der Frage: Hättest Du Lust, Dich als Nachfolger zu bewerben? Ich dachte zuerst: Vergiss es. Denn Oper war nie meine Spezialität, außerdem hatte ich nie den Plan, fest angestellt zu sein. Ich schlief einige Nächte darüber, und da kam der Moment, wo mir klar wurde: Die Idee, die verrückt war, weil sie überhaupt nicht zu meiner bisherigen Laufbahn passte, würde mich doch aus einem einfachen Grund reizen: Ich könnte dann täglich mit diesen Menschen Musik machen.

Jérôme: Sie haben mittlerweile die „Zauberflöte“ in Kassel dirigiert…

Gamzou: Das war im letzten April und erzeugte extreme Reaktionen, was ich auch erwartet habe. Generell neigen Menschen dazu, meine Interpretationen, vor allem des klassischen Repertoires, entweder zu lieben oder zu hassen. Vor allem deshalb, weil meine Interpretation in früheren Traditionen wurzelt, die heute nicht mehr à la mode sind. Ich bewundere Wilhelm Furtwängler und andere Dirigenten und Musiker, die in einer Zeit lebten, in der die Freiheit und Beweglichkeit der Musik das wichtigste Element war.

Jérôme: Noch ein letztes Stichwort: In Ihrer Biografie heißt es, Sie seien ein israelisch-amerikanischer Dirigent…

Gamzou: Ich bin in Israel geboren und verbrachte die ersten 15 Jahre meines Lebens abwechselnd in New York, London und Tel Aviv. Ich habe den amerikanischen Pass, aber ich fühle mich überhaupt nicht wie ein Amerikaner. Meine Mutter ist Israeli, aber ich fühle mich überhaupt nicht wie ein Israeli. Und obwohl ich lange Zeit in England verbracht habe, würde ich auch nie behaupten, dass ich ein Engländer bin. Ich fühle mich überall wohl. Ich bin Musiker und Vegetarier – das sind die zwei Dinge, in denen ich sicher bin, alles andere ist beweglich.

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