Zoff in der besten aller Welten

Der junge Regisseur Philipp Rosendahl hat am Staatstheater Kassel schon erfolgreich Leonard Bernsteins „West Side Story“ inszeniert. Nun setzt er sich wieder mit einem Werk des amerikanischen Komponisten auseinander: dem Musical „Candide“ nach der satirischen Novelle von Voltaire.

Bei den Proben zu „West Side Story“, zu sehen sind Regisseur Philipp Rosendahl, der Musikalische Leiter Alexander Hannemann und Regieassistentin Lieselotte Reich (v.l.). Foto: Tassilo Greger

Bei den Proben zu „West Side Story“, zu sehen sind Regisseur Philipp Rosendahl, der Musikalische Leiter Alexander Hannemann und Regieassistentin Lieselotte Reich (v.l.). Foto: Tassilo Greger

Voltaires „Candide oder der Optimismus“ aus dem Jahr 1759 ist ein unsterbliches Werk der Weltliteratur. Der Philosoph Dr. Pangloss lehrt darin seinen Schüler Candide die Maxime: Wir leben in der besten aller Welten. Voltaire führt nun diese optimistische Lehre ad absurdum, lässt den armen Candide von einem Unglück ins nächste taumeln, konfrontiert ihn mit Krieg, Katastrophen und religiösem Fanatismus. „Nirgendwo sonst ist mit so viel Esprit und guter Laune über das Elend der Welt geschrieben worden“, meint Rüdiger Safranski.

Bernsteins Liebeserklärung
Aus diesem Stoff hat Leonard Bernstein ein kongeniales Bühnenwerk gemacht, ein Musical, eine komische Operette. Das Werk gilt als Bernsteins Liebeserklärung an die europäische Musik und enthält mindestens zwei Hits: die Ouvertüre sowie die vielfach als Bravour-Nummer aufgeführte Arie „Glitter and Be Gay“ von Candides Herzensdame Kunigunde.

Inszeniert von Philipp Rosendahl
Jemand, der sich sehr gut mit Bernstein auskennt, inszeniert „Candide“ am Staatstheater Kassel: Philipp Rosendahl, der hier schon die „West Side Story“ auf die Bühne brachte − Co-Regisseur ist Volker Michl, der in der „West Side Story“ die Choreografie kreierte. Philipp Rosendahl, geboren 1990 in Düsseldorf, war ab 2016 Hausregisseur und Leiter des Jungen Staatstheaters Kassel. Seit dieser Spielzeit arbeitet er als freier Regisseur. Zuletzt inszenierte er „Wie es Euch gefällt“ in Kassel und „Orestie“ am Nationaltheater Mannheim. Wir stellten ihm einige Fragen.

Jérôme: Herr Rosendahl, würden Sie sich eher als einen Optimisten oder als einen Pessimisten bezeichnen?

Philipp Rosendahl: Ich würde mich auf jeden Fall als Optimisten bezeichnen. Ich bin grundsätzlich jemand, der mit einer relativ positiven Lebenseinstellung durchs Leben geht, und male mir immer eher das Gute aus als das Schlechte. Wie sagt man so schön: Das Glas ist halb voll, nicht halb leer.

Jérôme: Müsste Voltaires Kritik am Optimismus Ihnen dann nicht eher fernliegen?

Rosendahl: Nein, ich kann viel damit anfangen. Man muss nur den historischen Kontext betrachten: Voltaire schrieb seine Novelle als Antwort auf die philosophische Strömung des Optimismus, die nicht mit dem gleichzusetzen ist, was ich darunter verstehe. Dieses Weltbild, das vor allem Gottfried Wilhelm Leibniz geprägt hat, besagt: Alles steht zum Besten, Gott hat die bestmögliche Welt geschaffen, so wie sie ist. Das ist ja der Satz, auf den sich Voltaire erstmal bezieht. Er sträubt sich gegen eine Form des Optimismus, die Naivität voraussetzt.

Jérôme: Was gehört noch zum historischen Kontext der Novelle?

Rosendahl: Voltaire hat sie als Reaktion auf das Erdbeben von Lissabon 1755 geschrieben. Dieser Katastrophe fielen 30.000 bis 100.000 Menschen zum Opfer. Angesichts dessen hat sich Voltaire gefragt: Können wir sagen, dass alles in der Welt zum Besten bestellt ist und dass wir den besten aller möglichen Götter über uns haben? Daraus entstand das philosophische Thema bei ihm.

Jérôme: Leider hat es nichts an Aktualität eingebüßt…

Rosendahl: Betrachtet man die Missstände, die in der Welt herrschen, kann man sich das tatsächlich noch heute fragen. Dann ist mit Optimismus eben kein Lebensoptimismus gemeint, sondern ein Synonym dafür: Wie ist das, wenn wir weggucken, wo wir doch hingucken müssten? Wie ist das, wenn wir uns nicht informieren, wenn wir keine Fakten wahrnehmen, sondern unseren egoistischen Lebensprinzipen hinterherrennen? Das ist, was Voltaire anprangern möchte. Er fordert die Menschen auf, sich mit Problemen zu beschäftigen, die kompliziert sind, und keine einfachen Antworten zu wählen. Damit kann ich mich absolut identifizieren.

Jérôme: Haben Sie Leonard Bernsteins musikalische Adaption der Voltaire-Novelle für Kassel ausgewählt?

Rosendahl: Ich weiß nicht mehr genau, wer Bernsteins Stück zuerst auf den Tisch gelegt hat, aber wir waren alle begeistert davon. Insofern war es eine leichte Findung des Materials. Ich bin ein großer Bernstein-Fan und habe mich im Zuge der „West Side Story“ ohnehin mit seinem Gesamtwerk beschäftigt.

Jérôme: Am Staatstheater wird die „Broadway Revival 1974 Version“ aufgeführt. Was ist das Besondere daran?

Rosendahl: Das Stück hat eine komplizierte Geschichte, beginnend mit der Uraufführung 1956 − ein Flop. Das Material der Uraufführung steht als lizenzierte Fassung nicht mehr zur Verfügung. Nachdem es Verwerfungen zwischen der Librettistin und Bernstein gegeben hatte, kam in den 70er-Jahren ein neuer Librettist hinzu, und er schrieb eine Neuversion, die auf Bernsteins Musik basierte. So entwickelte sich das Stück immer weiter. Heute können die Theater zwischen verschiedenen Fassungen wählen. Wir haben uns für die 74er-Version entschieden, in der das Stück erstmals erfolgreich war bei Publikum und Presse. Besonders daran ist, dass es sich um eine sehr kurze und knappe Fassung handelt − das Stück wird in 1 Stunde 40 Minuten ohne Pause gespielt. Es gibt auch eine verhältnismäßig kleine Personen- und Orchesterbesetzung.

Leonard Bernstein: Candide
Mit Daniel Jenz (Candide), Lin Lin Fan (Kunigunde), Daniel Holzhauser (Maximilian) u.a. Musikalische Leitung: Alexander Hannemann. Premiere am 25. Januar 2020, 19.30 Uhr. www.staatstheater-kassel.de

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.