Fundgrube der Verwaltung: 100 Jahre Kasseler Rathaus

Das Kasseler Rathaus in seiner ursprünglichen Gestaltung – bevor 1939 der von dem jüdischen Unternehmer Sigmund Aschrott gestiftete Brunnen (rechts) von Nationalsozialisten zerstört wurde und bei der Bombardierung Kassels am 22. Oktober 1943 weitere Teile des Gebäudes in Flammen aufgingen. Foto: Jan Hendrik Neumann

Das Kasseler Rathaus in seiner ursprünglichen Gestaltung – bevor 1939 der von dem jüdischen Unternehmer Sigmund Aschrott gestiftete Brunnen (rechts) von Nationalsozialisten zerstört wurde und bei der Bombardierung Kassels am 22. Oktober 1943 weitere Teile des Gebäudes in Flammen aufgingen. Foto: Jan Hendrik Neumann

„Dann lieber überhaupt kein Rathaus!“ Die Wogen der Empörung schlugen hoch, als sich bei der Kasseler Stadtbevölkerung 1904 die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass man bei ihrem neuen Zeichen der Selbstverwaltung – zwei Jahre zuvor bei einem großen Wettbewerb gekürt – tatsächlich freiwillig auf eines der wichtigsten Architekturelemente jener Zeit verzichten wollte: auf einen großen Turm, wie ihn die meisten der insgesamt 119 Bewerber wie selbstverständlich in ihren Entwurf integriert hatten – und manche beließen es nicht nur bei einem.

Wettbewerbsgewinner Karl Roth indes – damals Assistent an der Technischen Universität Darmstadt und hoch beglückt über sein Preisgeld in Höhe von 9000 Mark – beschränkte sich lediglich auf einen wenig dominanten Dachreiter. Und das, obwohl in den Vorgaben für die Wettbewerbsentwürfe „monumentaler Charakter“ ausdrücklich erwünscht worden war.

Mit der Errichtung eines solchen Rathauses laufe Kassel ernsthaft Gefahr, „für alle Zeiten aus den Kreisen der Großstädte verbannt“ zu werden, befürchteten die Gegner von Roths Entwurf. Gebaut wurde dieser trotzdem, obwohl seine Realisierung auch die finanziell gesetzten Grenzen weit überschritt: Es stünde „der Betrag von 1650000 Mark zur Verfügung, welcher keinesfalls überschritten werden darf“, hatte es ursprünglich geheißen. Die Gesamtkosten – die künstlerische Innenausstattung noch nicht mitgerechnet – lagen jedoch schließlich bei mehr als drei Millionen Mark.

Dafür wurde das neue Gebäude, auf der vorgegebenen Nutzfläche von rund 6000 Quadratmetern, mit den neuesten technischen Errungenschaften seiner Zeit ausgestattet, vom Dachstuhl aus Eisen über elektrische Beleuchtung und eine Zentralheizung mit „Ozonisierungseinrichtung“ bis hin zur Optimierung der Lichtzufuhr wie auch der hygienischen Verhältnisse.

Als das Gebäude am 9. Juni 1909 eingeweiht wurde, erklang dazu nicht nur der „Einzug der Götter in Walhall“ – aus dem „Rheingold“ von Richard Wagner –, sondern auch bei den Speisen für die geladenen Ehrengäste trug man dick auf: Im Anschluss an die „Herkules-Suppe“ gab es „Rheinlachs mit Fulda-Tunke“ – was seinerzeit offenbar noch niemanden abschreckte. Die  Beamten der Stadtverwaltung bliesen wenig später auf ihre Weise ins gleiche Horn, als sie den Stadtverordneten nicht nur ein Tintenfass, sondern auch noch eine Glocke stifteten mit der hoffnungsvollen Inschrift: „Dem Geist ist nichts zu groß – der Güte nichts zu klein“.

Und so war es möglicherweise die das Rathaus nun durchziehende reine Güte, aus der heraus das Herz des 1841 verstorbenen Kasseler Oberbürgermeisters Karl Schomburg noch 20 Jahre nach dessen Tod in einer Kapsel in seinem 1,85 x 87 cm großen, mit elf Schubläden ausgestatteten OB-Schreibtisch aufbewahrt wurde, der nach Karl Roths Anweisungen aus schwarzpoliertem Birnbaumholz angefertigt worden war.

Pure Güte – und nicht etwa abenteuerlicher Schlendrian – war es vermutlich auch, die dazu führte, dass überdies die Urne mit den sterblichen Überresten von Philipp Scheidemann von 1953 bis 1954  im Kleiderschrank des OB-Amtszimmers ruhte. Und, Hand aufs Herz: Wer weiß schon, was Oberbürgermeister Bertram Hilgen beim Aufräumen noch so alles findet?

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.