Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Heraus zum 3. Oktober!

25. September 2018 | Von | Kategorie: Gesellschaft 

Noch im Abseits: Kassels Obelisk der Einheit
Stolze 50.000 Mark standen dafür bereit – eine Riesensumme, und zugleich eine Riesenchance für die kreativen Köpfe jener »Fin de Siècle«-Zeit von 1895. Denn, ohne Einschränkung, „alle deutschen Künstler“ – so hieß es im Ausschreibungstext – waren aufgerufen, sich daran zu beteiligen: am großen Wettbewerb für ein wahrhaft würdiges »Denkmal zur Verherrlichung der Einigung Deutschlands«, einem erst durch generöse Privatinitiative ermöglichten Monument zur Erinnerung an die im Anschluss an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erfolgte, nunmehr bereits zweite Gründung des Deutschen Reiches, initiiert als Akt bürgerlicher Elite und möglich erst ab 1866, dem Ende des Kurfürstentums, wie es Stefan Schweizer in seinem Buch »Geschichtsdeutung und Geschichtsbilder – Visuelle Geschichtskultur in Kassel 1866 – 1914« (Wallstein Verlag 2004) beschreibt: „Ein neues kommunales Selbstbewusstsein wollte seine historischen Wurzeln veranschaulicht sehen. Insofern sind die [in diesem Zeitraum] in Kassel errichteten Denkmäler als Repräsentation eines neuen »Geschichtsverständnisses« zu verstehen.“

Siegerentwurf eines Wettbewerbs von 1895: Der Obelisk zur Erinnerung an die Einigung Deutschlands 1870/71, entworfen von Carl Begas, Professor an der Kasseler Kunstakademie. Foto: PrivatarchivEin Kasseler Kunstwerk
Die dafür, in Gestalt einer Stiftung, ihr Kapital zur Verfügung stellenden Mäzene – die zeitlebens als Junggesellen verbliebenen Brüder Heinrich (1830 – 1881) und Johannes (1823 – 1892) Wimmel –, prosperierende Maler- und Weißbindermeister in Kassel, die den Großteil ihres Vermögens von über einer halben Million Mark dem Bau gesunder Wohnungen, wohltätigen Zwecken, der Krankenfürsorge sowie Kunst, Wissenschaft und Stadtverschönerung verschrieben, erlebten indes weder die Ausschreibung noch den durch eine hochkarätig besetzte Jury gekürten Siegerentwurf, für den ebenfalls nur die Vorgabe bestanden hatte, er möge „vorwiegend architektonischen Charakter“ tragen sowie, als integralen Bestandteil, mit einer Büste des zur Reichsgründung am 18. Januar 1871 vom preußischen König zum deutschen Kaiser proklamierten Wilhelm I. versehen sein. Vermutlich hätte sich insbesondere Johannes Wimmel, der als 19-Jähriger selbst die Kasseler Kunstakademie besuchte, über den schließlich siegreichen Entwurf und dessen Schöpfer gefreut: Mit dem 1845 in Berlin geborenen Carl Begas war die Wahl auf einen Bildhauer gefallen, der von 1890 bis 1898 als Professor an der Kasseler Kunstakademie lehrte, mithin mit diesem Werk den krönenden Abschluss seines Schaffens in Kassel ablieferte, unterstützt von seinem hochtalentierten Schüler Hans Everding.

Hosen für den nackten Sohn
Am 10. Mai 1898 wurde der detailgetreu realisierte Entwurf schließlich aufgestellt: Ein 12 Meter hoher Obelisk, ausgeführt in Sandstein aus dem Teutoburger Wald, mit der Sockelinschrift »ZUR ERINNERUNG AN DIE / EINIGUNG DEUTSCHLANDS / 1870 – 1971« sowie der Postamentinschrift »GESTIFTET / VON / H. u. J. WIMMEL / IHRER / VATERSTADT / CASSEL / 1898«, bestückt mit zwei seitlich angebrachten Becken. Als Wasserspeier: Löwenköpfe. Drei Bronzerelief-Bildnisse zeigten zudem das geforderte Antlitz von Wilhelm I. sowie den ersten Kanzler des neuen Reiches, Otto von Bismarck, wie auch den Generalstabschef und siegreichen Feldherrn Helmuth Graf von Moltke. Zur Vorderseite des prominent am Anfang der Wilhelmshöher Allee – auf dem damaligen Wilhelmshöher Platz, heute Brüder Grimm-Platz –, nahe dem Hessischen Landesmuseum aufgestellten Werkes, als allegorische Bronzen platziert, war zum einen Klio zu sehen, die Muse der Geschichtsschreibung, im »Buch der Geschichte« schreibend, wie auch ein nackter Jüngling, gerade im Begriff, das Kaiserporträt mit einem Lorbeerkranz zu schmücken. Im für gewöhnlich zur Drastik neigenden Volksmund, so hat es zumindest der prominente Kasseler Journalist Wolfgang Hermsdorff (1922 – 2012) in seiner unvergessenen HNA-Serie »Ein Blick zurück aufs alte Kassel« festgehalten, mutierte das Denkmal schnell zum »Wimmel-Stift«, und in den beiden Bronzefiguren sah man, recht uncharmant, „eine Frau, die im Adressbuch blättert, um einen Schneider zu finden, der ihrem nackten Sohn ein Paar Hosen nähen soll“.

Wider den Kleinmut
Doch selbst wenn dieses metaphorische Vorhaben gelungen wäre: Es hätte wohl beide nicht gerettet, denn infolge der zunehmenden Materialknappheit wurden im Zweiten Weltkrieg alle Bronzebestandteile des Denkmals entfernt und sogleich eingeschmolzen. Seiner zentralen Elemente beraubt (immerhin konnten die Reliefs 1983 nachgegossen werden), geriet das bis dahin für 66 Jahre das Stadtbild an zentraler Stelle prägende »Denkmal zur Verherrlichung der Einigung Deutschlands« – ein Anlass, der sich erst wieder am 3. Oktober 1990 ergeben sollte – im März 1964 unversehens auf die ideologische Abschussliste der Kasseler Stadtverordnetenversammlung, die seine Verlegung in den überaus wenig frequentierten vormaligen Fürstengarten, nunmehr Murhardpark beschloss. Wolfgang Hermsdorff konstatierte dazu in der Folge 280 seines »Blicks zurück« vom 2. Dezember 1967, es scheine bei den Verantwortlichen „ähnliche Kleinmütigkeit und unhistorisches Verhalten obwaltet zu haben, wie es Ausdruck findet in gewissen Straßenumbenennungen nach dem Krieg […] und in Versetzungen von Denkmälern an abgelegene Stellen (z.B. Wimmel-Stift vom Brüder Grimm-Platz in den Fürstengarten – Verzeihung: in den Murhardpark.)“

Seither sind mehr als 50 Jahre vergangen. Zeit für einen neuen, der Geschichte deutlich mehr verpflichteten Stadtverordneten-Antrag, ganz im Sinne des von den Brüdern Wimmel gestifteten Obelisken: Heraus zum 3. Oktober, dem deutschen Einheitstag! – und zurück mit ihm an seinen historischen Standort. Der dort im Moment befindliche Platzhalter – das eher spartanisch angelegte »ICH-Denkmal« des großen Frankfurter Karikaturisten Hans Traxler – würde sich, pardon, auch sonst überall ganz formidabel machen.

Aufgestellt am Anfang der Wilhelmshöher Allee prägte der Einheits-Obelisk für 66 Jahre das Stadtbild Kassels – bevor er 1964 grundlos abgebaut und in den benachbarten Fürstengarten bzw. Murhardpark versetzt wurde.

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