Hotel-Zellen voller Knast-Geschichten

Ehemaliges Kasseler Untersuchungsgefängnis „Elwe“ wird Hotel

Wir schreiben das Jahr 1994 und ich fahre ziemlich schnell, so schnell es eben die Polizei erlaubt, in Richtung Leipziger Platz. Denn dort steht die „Elwe“, das Kasseler Untersuchungsgefängnis, das seinen Namen der Anschrift Leipziger Straße 11 verdankt. Dorthin bin ich unterwegs, so wie viele andere  Journalisten auch, denn es gibt eine Meuterei mit Geiselnahme. Der Übertragungswagen des Hessischen Rundfunks ist schon da, die bundesweite Radio-Berichterstattung über das dramatische Geschehen im roten Backsteinbau kann losgehen…

Christopher Posch im Hof des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses Elwe. Foto: Mario Zgoll

Christopher Posch im Hof des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses Elwe. Foto: Mario Zgoll

Hotel mit Knast-Vergangenheit
Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, das ich 17 Jahre später mit Rechtsanwalt Christopher Posch einfach so durch die Elwe spaziere und darüber rede, dass sie künftig auch als Hotel genutzt werden soll. Ende 2009 wurde die Justizvollzugsanstalt III, wie sie offiziell hieß, geschlossen. 1876 wurde die Elwe erbaut und diente als Gefängnis für Männer. Und nun hat Unternehmer Gotthard Fels sie zusammen mit Christopher Posch als Veranstaltungsort und demnächst, zu documenta-Zeiten, als Hotel entdeckt.

Waschbär-Zeichnungen an den Wänden
Eine Tattoo-Messe im ehemaligen Untersuchungsgefängnis Elwe ist gerade vorbei – die Künstler haben Tattoos an den Wänden hinterlassen. „Wirklich schön gemacht,“ sagt Christopher Posch, und zeigt mir unter anderem die Zelle mit den großflächig gezeichneten Waschbären. Überall sind natürlich auch die Spuren der ehemaligen Zellenbewohner zu sehen: Markige Sprüche, Zahlen, Zeichnungen und mehr zieren die Wände. Dieser Charakter wird erhalten bleiben, er macht das Haus einzigartig. Auch ansonsten gibt es Knast- und nicht Kuschel-Atmosphäre, das gehört zu diesem ungewöhnlichen Angebot dazu. Die Zellen und die sanitären Anlagen wurden gereinigt, es gab neue Matratzen und vor allen Dingen neue Schlösser für die Hotel-Zellen. Die sind natürlich nicht mehr von außen mit schweren Riegeln zu verschließen, sondern die Hoheit über die künftige Handhabung des Abschließens und Verschließens haben allein die Hotel-Bewohner. Aus den Fenstern blickt man auf Stacheldraht und Innenhöfe. Auch in den Innenhöfen soll künftig etwas los sein. Für Kulturveranstaltungen und Bewirtung werde mit den entsprechenden Unternehmen gesorgt werden, so Christopher Posch.

Schloss-Hoheit in den Zellen für Hotel-Besucher
So langsam kann ich mir vorstellen, wie es werden soll und zu documenta-Zeiten aussehen könnte. Die Elwe GmbH, bestehend aus Gotthard Fels und Christopher Posch, investiert insgesamt zwischen 150.000 und 200.000 Euro in das historische Gebäude. Vom Brandschutz bis hin zur alten Pforte, die zur Hotelrezeption wird, muss vieles bedacht werden. Rund 150 Gäste sollen in Spitzenzeiten zur documenta das ehemalige Gefängnis bewohnen können. Zum Ende der Weltkunstausstellung, die vom 9. Juni bis zum 16. September 2012 dauern wird, soll der Hotel-Betrieb wieder eingestellt werden. Bis Ende 2012 hat die Elwe-GmbH das Haus gemietet.

Hotel mit schwedischen Gardinen: Christopher Posch in einer Zelle der Elwe. Foto: Mario Zgoll

Hotel mit schwedischen Gardinen: Christopher Posch in einer Zelle der Elwe. Foto: Mario Zgoll

Hotelbetrieb zur documenta 13
Die Meuterei mit Geiselnahme wurde übrigens 1994 von der GSG-9 beendet. Die Elwe war damals bundesweit in den Schlagzeilen. Das ist sie heute wieder. Als ehemaliges Gefängnis mit Hotel-Charakter…

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