Insel Siebenbergen – Ein Wunderland der Flora

Foto: Jan Hendrik Neumann

Foto: Jan Hendrik Neumann

Er wollte es offenbar den Dreißig- bis Vierzigtausend Besuchern nachmachen, die jedes Jahr die Insel Siebenbergen besuchen, doch er kam nicht durch – an der erst 1955, zur Bundesgartenschau entstandenen Brücke war für den untergründigen Blumenfreund Schluss. „So etwas habe ich hier noch nie erlebt. Ein Maulwurf marschiert einfach unter unserer Pflasterung durch…“, schmunzelt Gärtnermeister Karl-Heinz Freudenstein, seit fünf Jahren zuständig für die Pflege des botanischen Kleinods in der Karlsaue, mit Blick auf die kleinen Erdhäufchen. Was der dafür verantwortliche Kleinsäuger – wissenschaftlich Talpa europaea – vergeblich zu erreichen versuchte, verdankt seinen Ursprung indes einer ganz ähnlichen Gelegenheit: Entstand die „Blumeninsel“ Siebenbergen doch 1710 als Folge des Aushubs für das große Bassin mit der Schwaneninsel. „Ursprünglich war damals so eine barocke Anlage geplant, mit sieben Hügeln, von der Orangerie bis hier her“, berichtet Freudenstein. „Wobei Siebenbergen, mit 16 Metern, wohl der höchste dieser Hügel war.“ Von den anderen seien nach der Umgestaltung der Karlsaue zum Landschaftspark, Ende des 18. Jahrhunderts, jedoch bis auf den „Theaterberg“ nur kleine Erhöhungen übrig geblieben.

Angelegt vor rund 150 Jahren vom damaligen Hofgartendirektor Wilhelm Hentze, konnte dieser auf Siebenbergen nach Herzenslust seiner botanischen Leidenschaft nachgehen. „Er hat hier viele geschützte Pflanzen angesiedelt“, sagt Freudenstein, der dessen Werk nun fortsetzt. „Hier haben wir zum Beispiel die ,Alpine Matte’, die zur BuGa 1955 angelegt wurde“, erklärt er bei einem Rundgang. „Besonders imposant ist dabei der Hundszahn oder Forellenlilie – Forellenlilie deshalb, weil ihre Blätter wie die Schuppen der Fische aussehen, und Hundszahn, weil die Knolle einem Reißzahn ähnelt.“ Weiter geht es an der ,Elfenblume’, „einem hervorragenden Bodendecker, der die Fläche mit ganz zarten rosa-weiß-lilanen Blüten bedeckt“ und am ,Lebkuchenbaum’, „der so heißt, weil er vor allem im Herbst, wenn in den Blättern das Chlorophyll abgebaut wird, einen ganz besonderen Duft abgibt.“ Kurz darauf stehen wir schließlich vor einem Trompetenbaum, „der kommt ganz spät und geht bereits wieder sehr früh. Deshalb wird er von manchen auch ,Beamtenbaum’ genannt.“ Dieser eigne sich besonders für „Gartenfaule“: „Nach dem ersten Frost fallen seine großen Blätter mit einem Schlag und sind leicht zu beseitigen.“ Kaum zur Nachahmung geeignet sei hingegen die Anpflanzung des chilenischen Riesenrhabarbers, „dessen jetzt noch kleine Blättchen am Ende einen Durchmesser von bis zu 1,8 Metern haben.“ Doch auch den Reiz von zunächst weniger Spektakulärem könne man auf der Insel in Hülle und Fülle entdecken: „Wer sich bewusst umschaut, entdeckt mit der Zeit überrascht, wie faszinierend und vielfältig schon allein die Rinde von Bäumen sein kann.“

Bei all ihrer Pracht, mit Hunderten von Pflanzenarten auf einer Fläche von nur 2,5 Hektar, ist die Insel Siebenbergen jedoch aus einem anderem Grunde immer wieder neu zu entdecken: „Das ist hier wie ein Verschiebebahnhof“, erläutert Karl-Heinz Freudenstein und deutet auf eine große Fichte. „Daneben standen bis vor kurzem noch Hemlock-Tannen, bei denen wir jetzt die ,goldene Axt’ ansetzen mussten – sonst wäre diese großartige Solitärpflanze nicht mehr richtig zur Geltung gekommen.“ An die Stelle der Tannen habe man nun Rhododendren gepflanzt, „die zuvor ihrerseits umgesetzt werden mussten, weil sie zu dicht standen.“ So änderten sich die An- und Ausblicke auf Siebenbergen ständig „und es entsteht immer wieder ein neues Gartenbild.“

Damit dieses sich auch stets von seiner vorteilhaftesten Seite präsentiert, sind drei Vollzeit- und zwei Halbtagskräfte mit der botanischen Pflege der Insel beschäftigt, die über den Giesegraben mit Wasser aus der Fulda versorgt wird. „Deshalb können wir bei der Bewässerung wirklich aus dem Vollen schöpfen“, so Freudenstein, „was bei Trinkwasser wohl kaum möglich wäre.“ Rund 100 Sprengeranlagen sind dafür auf der ganzen Insel verteilt. Für die Zukunft wünscht sich der engagierte Gartenfreund, dass möglicherweise eines schönen Tages ein automatisches Bewässerungssystem auf der Insel installiert wird und es vor allem mit dem Auswechseln der alten Teerwege gegen natürliche, wassergebundene Decken noch schneller als bislang vorangeht. „Die hat man in den 60ern hier angelegt, nach dem Motto: Einfach, praktisch – und gut. Doch da beschreiten wir jetzt ganz neue, viel einladendere Wege.“

Von Jan Hendrik Neumann

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.