„Mehr machen aus den Grimms!“

„Es kann gar nicht genug Grimm geben in Kassel“, wiederholt der Präsident der Brüder Grimm Gesellschaft Dr. Werner Neusel zum zweihundertsten Jahrestag der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm sein Mantra.

Damit ist vor allem die geplante 18 Millionen Euro teure Grimm-Welt auf dem Weinberg gemeint, die bis Ende 2014 fertig sein muss, wenn EU-Zuschüsse in Höhe von sechs Millionen Euro fließen sollen. Dort soll rund um das Wirken der berühmten Brüder auf über tausend Quadratmetern eine Erlebniswelt entstehen, die sich um weit mehr als nur die Märchen dreht, sondern Wissenschaft mit Spaß verbindet. Schließlich waren die beiden vor allem Sprachforscher, Wissenschaftler und politisch engagierte Zeitgenossen, „die sich“, so Dr. Werner Neusel, „vermutlich im Grab umdrehen würden, wenn man sie nur auf die Märchen reduziert. Aber die Märchen sind erst mal das Populärste. Mit diesem Pfund müssen wir wuchern. Mit den Märchen können wir die Leute anlocken.“ Zu einem neuen Grimm-Magneten in der Grimm-Hauptstadt Kassel. Dieser Magnet würde sich wunderbar einfügen in eine Museumsmeile mit Neuer Galerie, Landesmuseum (das noch renoviert wird), neuer Grimm-Welt, vielleicht neuem Tapetenmuseum (da eiert zur Zeit das Land rum), bis hin zum Museum für Sepulkralkultur. Wirklich ein schöner Plan, dessen Verwirklichung ein richtiger Schub für die Anziehungskraft der Stadt wäre. Und die, so Neusel, „hat bisher noch nicht genug aus den Grimms gemacht.“ Action.

Dr. Werner Neusel im Gespräch mit Jérôme-Autor Volker Schnell (links). Foto: Mario Zgoll

Dr. Werner Neusel im Gespräch mit Jérôme-Autor Volker Schnell (links). Foto: Mario Zgoll

Grimm-Welt als Grimm-Magnet in der Grimm-Hauptstadt
Wie üblich stellen sich, wenn jahrelange Planungen abgeschlossen sind, der preisgekrönte Architektenentwurf präsentiert ist, plötzlich Anwohner quer, gründen Bürgerinitiativen und wollen vor Gericht gehen. „So was sind immer Individual-Interessen“, meint Neusel und zuckt resigniert die Achseln. Da kann man halt nichts machen, aber sprich: Sie schaden dem Gesamten.

Persönlicher Einschub: Es mag Bürgerinitiativen geben, die Sinnvolles bewirken, doch Werner Neusels und mein gemeinsamer Freund, der verstorbene Jérôme-Autor Klaus Becker, machte schon vor dreißig Jahren anhand eines drastischen Beispiels deutlich, was von diesen Wutbürgern zu halten ist (obwohl es das Wort noch gar nicht gab). Damals gab es Fernsehempfang nur über Antenne. Die Anwohner eines Krankenhauses gingen auf die Barrikaden, weil ihr Fernsehempfang kurz gestört war, wann immer der Rettungshubschrauber landete. Da wurde ein schwerkranker oder lebensgefährlich verletzter Mensch in die Notaufnahme geflogen und die Anwohner gründeten eine Bürgerinitiative, um das zu verhindern, weil sie mal ein oder zwei Minuten Schnee auf der Mattscheibe hatten.

Die Gegner der Grimm-Welt am Weinberg sind vom selben Kaliber. Chancen dürften sie kaum haben, doch sie könnten den Baubeginn so lange hinauszögern, dass die Stadt die notwenigen EU-Gelder in den Wind schießen müsste. Und damit stünde womöglich das ganze tolle Projekt plötzlich wieder auf der Kippe. Schon in der anderen Grimm-Stadt Hanau konnte ein Grimm-Kulturzentrum nicht verwirklicht werden; es wäre gut, wenn sich so etwas in Kassel nicht wiederholt. „Meiner Kenntnis nach“, so Neusel, „muss bis Ende 2014 alles abgerechnet sein. Das könnte in der Tat zum Stolperstein werden. Ob sich da irgendwelche Schlupflöcher finden ließen, kann ich überhaupt noch nicht beurteilen.“

Jungen Juristen stand die Welt offen
Falls es welche geben sollte, kann es aber sein, dass einer wie Dr. Werner Neusel sie findet. Schließlich ist der Mann Jurist, mit jahrzehntelanger Verwaltungserfahrung im Regierungspräsidium, wo er, frisch promoviert, 1972 anfing und 36 Dienstjahre verbrachte. Seine Doktorarbeit, „Höchstrichterliche Strafgerichtsbarkeit in der Republik von Weimar“, damals bei Athenäum Frankfurt erschienen, ist noch heute erhältlich (obwohl es den Verlag längst nicht mehr gibt). Nächstes Jahr wird Neusel 70, damals war er noch keine 30, „und jungen Juristen stand die Welt offen“. Hauptsächlich an Sport und Politik interessiert, hatte er schon einen Job bei der Süddeutschen Zeitung in der Tasche, als Redakteur für, erraten, Sportpolitik. „Das hätte mich vielleicht in die weite Welt hinausgeführt, aber irgendwie bin ich als Nordhesse nicht so mobil.“ Außerdem hatte ihm der Vater, bis zur Zusammenlegung der Gemeinden Bürgermeister von Obervellmar und Landtagsabgeordneter, „nicht das Jurastudium finanziert, damit du zur Zeitung gehst“.

Also das Regierungspräsidium, wo er vor gut vier Jahren als Regierungsvizepräsident ausschied, nicht um sich in den Ruhestand zu begeben, sondern prompt eine andere Baustelle zu übernehmen, bei der es damals brannte: den Vorsitz der Brüder Grimm Gesellschaft. „Da hatte es einige Zeit lang persönliche Animositäten und gegenseitige Vorwürfe gegeben, auf denen ständig herumgeritten wurde. Aber ich selbst bin niemand, der polarisiert.“ Mit seiner ausgleichenden Art und vielen geduldigen Gesprächen konnte Werner Neusel die Luft aus dem Kessel nehmen.

Hinweis wird bei 300-Jahrfeier beachtet
Es half, dass ihm die Welt der Brüder Grimm nichts Neues war und er die Leute kannte. Zu den zweihundertsten Geburtstagen der Brüder, 1985 und 1986, taten sich das Land Hessen und die Grimm-Städte zusammen und gründeten eine „Veranstaltungsgesellschaft 200 Jahre Brüder Grimm“, die verschiedene Ausstellungen und andere Events organisierte. Dr. Werner Neusel, der Mann aus dem Regierungspräsidium, wurde ehrenamtlicher Geschäftsführer. „Damals war relativ viel Geld da“, erzählt er, „also konnten wir auch noch Ausstellungen in Berlin und Brüssel dranhängen, die zunächst gar nicht vorgesehen waren. Zum Schluss veranstalteten wir als Belohnung für alle Mitstreiter eine tolle Fete in einem Restaurant in Brüssel. Der Rechnungshof monierte in einem bösen Brief, die sei viel zu teuer gewesen.“ Von so was ließ sich Verwaltungsmann Neusel nicht einschüchtern. „Ich schickte einen Vermerk zurück, der nur aus einem Satz bestand: `Ihr Hinweis wird bei der 300-Jahrfeier beachtet.´ Daraufhin hörte ich nie wieder von der Sache.“

Der heutige Leiter des jetzigen Brüder Grimm-Museums, Anfang des Jahres im renovierten Palais Bellevue wieder eröffnet, Dr. Bernhard Lauer, „war auch schon mit von der Partie, ein ausgewachsener Grimm-Experte, den hab ich damals schätzen gelernt. Klaus Becker war der Pressesprecher.“ Und mit OB Bertram Hilgen ist er gut bekannt, seit dieser Regierungspräsident und Neusel sein zweiter Mann war. Ideale Voraussetzungen, um die zeitweilig umstrittene Personalie Dr. Lauer einvernehmlich zu lösen. Für den neuen Chefposten sei jemand mit Management- und Marketing-Qualitäten gefragt, kein reiner Wissenschaftler, und Neusel hofft, dass die Stadt mit Susanne Völker, die in Calw mit Hermann Hesse entsprechende Erfahrungen machen konnte, die richtige Person gefunden hat. „Aber Dr. Lauer wird im wissenschaftlichen Bereich der Grimm-Welt eingebunden bleiben.“

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