Tapetenwechsel: Das Hessische Landesmuseum wird restauriert

Eine Mitarbeiterin beginnt vorsichtig mit dem Bearbeiten gefährdeter Stellen, bevor die Tapete gelöst werden kann: Ein Prozess, der pro Bahn bis zu 40 Stunden dauert.

Eine Mitarbeiterin beginnt vorsichtig mit dem Bearbeiten gefährdeter Stellen, bevor die Tapete gelöst werden kann: Ein Prozess, der pro Bahn bis zu 40 Stunden dauert.

Das Hessische Landesmuseum wird komplett restauriert, das Tapetenmuseum soll in einen Neubau ziehen. Also muss erst mal alles raus … und alles, der komplette Bestand eines fast hundert Jahre alten Museums, der unter anderem die seit dem Mittelalter zusammengetragenen Sammlungen der hessischen Landgrafen umfasst, das ist eine Menge.

4000 Kubikmeter Museumsobjekte
Museumsbetrieb herrscht hier nicht mehr, aber morgens um neun ist vor dem an die Spätrenaissance erinnernden Gebäude am Brüder-Grimm-Platz kaum noch ein Parkplatz zu kriegen. Drin wuseln Leute geschäftig hin und her, Boden und Marmortreppen sind mit dicken Holzrampen ausgelegt, Gabelstapler rollen herum. Besucher müssen sich in eine Liste eintragen: Hier soll keiner einfach reinspazieren und sich Gott weiß was unter den Nagel reißen können. Die „Chefin vons Ganze“ ist zunächst nicht aufzutreiben, aber als Daniela Focke dann kommt, wirkt sie ganz entspannt, obwohl sie ständig von irgendeinem weniger Entspannten unterbrochen wird und gefühlte dreieinhalb Tausend Probleme mal eben aus dem Stand lösen muss.

Wie zieht man denn ein Museum um? „Gaaanz langsam“, lächelt sie mit österreichischem Akzent. Sie macht so was seit acht Jahren, ist „irgendwie da reingerutscht“, als letztes hat sie ein Museum in Graz umgezogen, „das war ungefähr dreimal so groß wie das hier“. Das hier, das sind 1,25 Millionen Gegenstände aller Art, 4000 Kubikmeter Museumsobjekte, sie rechnet mit „so um die 200 LKW-Fuhren“. Daniela Focke und die etwa dreißig Mitarbeiter haben noch Monate zu tun. LKW-Fuhren wohin? In Depots. Wo die sind, wird natürlich nicht verraten.

Alle Museumsobjekte aus organischem Material wie Holz kommen zur Abtötung aller Schädlinge in ein luftdichtes Zelt.

Alle Museumsobjekte aus organischem Material wie Holz kommen zur Abtötung aller Schädlinge in ein luftdichtes Zelt.

Tonnenschwere Steinkreuze im Keller
Noch wird gepackt, was das Zeug hält. Alles aus organischem Material wie Holz kommt in ein luftdichtes Zelt, dem zuerst der Sauerstoff entzogen, dann Stickstoff zugeführt wird, zur giftfreien Abtötung aller Schädlinge bei konstant 26°, ein Prozess, der sechs Wochen dauert. Im Keller zeigt Daniela Focke tonnenschwere Steinkreuze mit nicht mehr entzifferbaren Beschriftungen, von denen keiner weiß, wo sie herkommen und ob sie irgendwas wert sind. „Wie ich diese Dinger hier rauskriege, weiß ich noch nicht. Wollen Sie eins haben? Sie müssen es nur selbst transportieren.“

Jérôme-Autor Volker Schnell im Gespräch mit den Papierrestauratorinnen Nicola Waltz (links) und Andrea Fiedler (Mitte) sowie Umzugs-Koordinatorin Daniela Focke (rechts).

Jérôme-Autor Volker Schnell im Gespräch mit den Papierrestauratorinnen Nicola Waltz (links) und Andrea Fiedler (Mitte) sowie Umzugs-Koordinatorin Daniela Focke (rechts).

Christoph Waltz´ Schwester kratzt in Kassel Tapeten ab
Im ersten Stock war seit 1976 das Tapetenmuseum in recht dunklen Räumen untergebracht, eine Zwischenlösung von Anfang an. Jetzt soll es neben dem geplanten neuen Brüder-Grimm-Museum der Stadt auf dem Weinberg einen Neubau bekommen. In diesem schönen Park will man die alten Bäume fällen? mhk-Chef Bernd Küster lässt das Lächeln nicht aus dem Gesicht fallen, bleibt aber unnachgiebig: „Das ist der einzige innerstädtische Standort. Im Rathaus sind sich alle Parteien einig. Wenn die Stadt da baut, dann bauen wir auch.“ Das weltweit einzigartige Kasseler Tapetenmuseum braucht endlich schöne, helle Räume. Aber noch ist die Entscheidung nicht endgültig. Im Augenblick ist eine weitere Österreicherin damit beschäftigt, ganz vorsichtig eine der 22.000 Tapeten vom Glas zu lösen, Nicola Waltz, „mit tz“. Wie Christoph Waltz? „Das ist mein Bruder.“ Die Schwester des diesjährigen Oscargewinners ist Papierrestauratorin, eine ganz seltene, hochspezialisierte Spezies, und verbringt diesen Sommer einige Wochen in Kassel damit, überaus wert- und kunstvolle asiatische Tapeten abzuspachteln, was pro Bahn bis zu 40 Stunden dauern kann. Von hinten ist durch das Glas die „Makulatur“ zu erkennen, Zeitungen, die man früher unter die Tapete klebte: Der „Westphälische Moniteur“ von 1811, aus der Zeit des Königs Jérôme, deutsch und französisch nebeneinander.

In drei Jahren soll alles fertig sein
Im Jahr 2013, zum hundertsten Geburtstag, soll eins der wenigen innerstädtischen Gebäude, das den Krieg unbeschadet überstanden hat, dann im neuen Glanz erstrahlen. Während das Tapetenmuseum vermutlich erst Jahre später seinen Neubau beziehen kann, sollen die übrigen großen Sammlungen dann in neue Zusammenhänge gestellt und thematisch, nicht chronologisch aufgebaut werden: die Vor- und Frühgeschichte Nordhessens, die bisher aus Platzgründen überhaupt nicht gezeigte Volkskundesammlung, die Sammlung Schatz-Kunst 800 – 1800 und die Sammlung Angewandte Kunst und Design 1840 bis heute. In drei Jahren werden wir sehen können, wie es geworden ist.

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