Und nun zu etwas völlig anderem: Latein

Fecit in Cassellis ist die mittelalterliche Version des modernen „Made in …“. „Hergestellt in Kassel“ war in der Renaissance ein besonderes Gütesiegel für weltweit begehrte automatische Himmelsgloben mit Uhrwerksantrieb. Die sind heute nur ein Teil der wenig bekannten Schätze des Astronomisch Physikalischen Kabinetts mit Planetarium in der Orangerie, das dort gerade den 20. Geburtstag feiert.

Dr. Karsten Gaulke (links), Leiter des Astronomisch Physikalischen Kabinetts, mit Vorführer Thomas Ecker vor dem Projektor im Planetarium. Foto: Mario Zgoll

Dr. Karsten Gaulke (links), Leiter des Astronomisch Physikalischen Kabinetts, mit Vorführer Thomas Ecker vor dem Projektor im Planetarium. Foto: Mario Zgoll

Ehrlich, ich wusste nicht mal, dass es die kurz „APK“ genannte Sammlung überhaupt gibt, und demzufolge nichts darüber. Wenn man was nicht weiß, fragt man am besten einen, der es weiß – und bekommt oft noch so manch hübsche Geschichte mitgeliefert. Der, der alles weiß, ist Dr. Karsten Gaulke, ein waschechter Stuttgarter, der so perfekt Hochdeutsch kann, dass ich die Herkunft des kaum merkbaren Beiklangs eines Akzents erst irgendwo im Osten vermutete. Ein Experte für die Wissenschaftsgeschichte der frühen Neuzeit, der über Johannes Kepler promoviert hat und gleich danach hier Leiter wurde, das war 2003. Er ist sichtlich begeistert von seinen Schätzen: Filigran gearbeitete astronomische Uhren, Fernrohre und Himmelsgloben in der Astronomischen Kunstkammer; formvollendete mechanische Uhren, Sonnenuhren, Wasseruhren, Sanduhren, besonders die Augsburger Prunkuhr, ein fast anderthalb Meter hohes Meisterwerk der Uhrmacherkunst mit Musikspielwerk im Uhrenkabinett; alle möglichen komplex anmutenden experimentellen Geräte im Physikalischen Kabinett.

Zentrum der wissenschaftlichen Revolution
Zu verdanken haben wir das alles den wissenschaftlichen (teils auch okkulten) Interessen und der Sammelwut der früheren Landgrafen, die Beinamen wie „der Gelehrte“ oder „der Weise“ trugen, Europas erste Sternwarte einrichteten und Leute wie Jost Bürgi und Tycho Brahe nach Kassel lockten. Damals war die Stadt das wichtigste Zentrum der wissenschaftlichen Revolution, die der Aufklärung und der industriellen Revolution vorausging, mindestens Deutschlands, vielleicht Europas. „Und heute“, berichtet Karsten Gaulke stolz, „haben wir eine der drei wichtigsten Sammlungen der Wissenschaftsgeschichte auf dem Kontinent.“ Die beiden anderen sind das Museo Galileo in Florenz und die Mathematisch-physikalische Sammlung in Dresden. Gaulke ist Teil eines internationalen Netzwerks von Experten, die sich mit „Scientific Instruments“ befassen und sich einmal jährlich zu Kongressen treffen, letztes Jahr war einer in Kassel, achtzig Leute aus aller Welt, kaum beachtet. „Der nächste ist in Rio, da kann ich leider nicht hin, das gibt unser Etat nicht her“, aber er war schon mal eingeladen, in Harvard die „keynote speech“, den wichtigsten Vortrag zu halten, „die haben alle Kosten übernommen“.

Wilhelm, Guericke und Papin
Bis 1992 waren alle diese Schätze äußerst beengt im Landesmuseum, das gerade renoviert wird, untergebracht und nur teilweise ausgestellt. Dann konnte der damalige Leiter Ludolf von Mackensen, der vorher im Deutschen Museum in München gearbeitet hat, mit dem Umzug in die Orangerie, die außer zu documenta-Zeiten meist leer stand, den Traum verwirklichen, in Kassel ein kleines Deutsches Museum einzurichten. Von Mackensen? Woher kennt der „history buff“ in mir den Namen? Gaulke lacht. „Sein Großvater war General im Ersten Weltkrieg. Der hat beim ’Tag von Potsdam’ 1933 im Name der Generalität ’den Führer’ begrüßt. Aber dieser von Mackensen hat mit all dem nichts im Sinn.“ Eine dieser Geschichten … „Jedenfalls haben wir jetzt hier mehr als doppelt so viel Platz, um die Besucher auf eine Zeitreise durch Kassels naturwissenschaftliche Vergangenheit mitzunehmen. Die Vermessung des Sternenhimmels durch Landgraf Wilhelm den Weisen, die Entdeckung des leeren Raums durch Otto von Guericke, die Entwicklung der ersten Hochdruckdampfmaschine von Denis Papin, alle diese Meilensteine sind durch interaktive Stationen sozusagen ’live’ erlebbar.“

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Astronomie nicht mehr unterrichtet
Und darüber kam als besonderes Highlight noch das Planetarium hinzu, das nicht, wie fast alle Planetarien weltweit, für sich allein steht, sondern räumlich und inhaltlich mit den Kabinetten darunter verbunden ist. Es liegt Gaulke besonders am Herzen, er ist ein echter Fan der Astronomie, der bei sich zu Hause, auf dem Land bei Witzenhausen, wo es nachts nicht viel künstliches Licht gibt, seine eigene Sternwarte im Garten stehen hat. Im Planetarium finden viele Veranstaltungen für Schüler statt, mit denen er auszubügeln versucht, was die Bildungspolitik so anrichtet. „Wussten Sie, dass in Hessen Astronomie nicht mehr an Schulen unterrichtet wird?“ Seinen Sohn schickt er daher ins nahe Thüringen aufs Gymnasium. Auf fünfzig Plätzen kann man sich entspannt zurücklehnen und den Sternenhimmel auf sich wirken lassen. Sterne gehen auf und unter, Planeten bewegen sich in komplizierten Bahnen, neueste Bilder des Marsrovers „Curiosity“ scheinen auf. „Das stellt die NASA alles kostenlos zur Verfügung, denn eine bessere Werbung für teure und riskante Weltraumforschung gibt es ja nicht.“ Die nächsten Planetarien sind in Fulda und Münster, Frankfurt hat keins.

Zeit für Neugestaltung
Ja, die Kosten, auch hier ein kleiner Wermutstropfen. Im aktuellen Entwicklungsplan der Museumslandschaft Hessen Kassel, zu der die Orangerie gehört, sind Astronomisch Physikalisches Kabinett und Planetarium nicht enthalten. „Nach zwanzig Jahren“, meint Gaulke, „müsste man so eine Ausstellung eigentlich neu gestalten, alles noch viel interaktiver machen. Der Projektor im Planetarium ist auch schon zwanzig Jahre alt, da gibt es heute besseres.“ In den nächsten Jahren muss er sich damit behelfen, „neue Führungsmodule zu entwickeln, speziell für Kinder und Familien“. Irgendwann ist vielleicht auch mal wieder Geld da.

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