Wie Wunderkerzen

Blick ins Harry Kramer Archiv: Dokumente aus allen Phasen seines künstlerischen Schaffens. Foto: Jan Hendrik Neumann

Blick ins Harry Kramer Archiv: Dokumente aus allen Phasen seines künstlerischen Schaffens. Foto: Jan Hendrik Neumann

Gestorben bereits im Februar 1997, hätte Harry Kramer – von 1970 bis 1992 Professor an der Kasseler Kunsthochschule – am 25. Januar 2010 seinen 85. Geburtstag feiern können. Anlass für Jérôme, einen Rückblick zu werfen auf den international renommierten Künstler, der nicht nur mit seinem zum documenta Archiv gehörenden Harry Kramer Archiv in Kassel markante Spuren hinterlassen hat.

Was soll das denn werden? Aus heutiger Sicht sieht es recht dilettantisch aus, wie Harry Kramer in seinem Film „Sackgasse“ von 1963 zur Musik von Louis Prima und Benny Goodman durch eine Industrieanlage tänzelt; ein wenig „Fred Astaire auf Dope“, gekoppelt mit Anknüpfungsversuchen an das filmische Frühwerk des Dadaisten, Malers und Filmkünstlers Hans Richter (1888-1976). Der Streifen – jetzt wiederaufgeführt im Museum für Sepulkralkultur, am Tag der vom Museum und dem documenta Archiv ausgerichteten Geburtstagsfeier – hinterlässt den Betrachter eher etwas ratlos. Abzulesen ist dem immerhin 9:19 Minuten langen Werk auf jeden Fall: Da strotzt einer nur so vor Selbstbewusstsein. Ein Wesenszug, den Kramer in seiner Zeit als Kasseler Kunstprofessor – in der er, zumindest in den 80er Jahren, zumeist komplett in schwarzes Leder gekleidet anzutreffen war – auch auf seine Studenten abfärben lassen wollte: Zeig was! Trau’ Dich was! Lang zu! So wie Harry Kramer selbst – der „Frisör aus Lingen“, wie er allzeit mit seinem nichtakademisch erfolgten Zugang zur Kunst kokettierte – als sich ihm die Chance dazu geboten hatte: Ob nun bewusst oder unbewusst auf den Spuren des Malers, Bildhauers und „Mobile“-Erfinders Alexander Calder wandelnd, der bereits Ende der 20er Jahre mit beweglichen und bald darauf auch motorisierten Drahtkonstruktionen experimentiert hatte, fand der eigentlich als Friseur und Tänzer ausgebildete Kramer hier ein neues künstlerisches Betätigungsfeld. Dieses ließ ihn 1964 schließlich – ausgewählt von Arnold Bode – sogar zum Mitwirkenden der documenta III werden, was ihm weltweite Wahrnehmung einbrachte, mit internationalen Ausstellungseinladungen und entsprechenden Verkaufserfolgen. Kassel sollte für den Kunst-Autodidakten, nach Stationen in Paris und Las Vegas, 1970 jedoch auch schon zur Endstation werden, wie er es später – sich selbst in die dritte Person setzend – formulierte: „Er war angekommen. Kassel ein Kopfbahnhof, aus dem die Züge nur rückwärts wieder herausfinden.“ Sein Ruf an die Kunsthochschule Kassel, als Professor für Bildhauerei, war für ihn zunächst eine Herausforderung mit unabsehbaren Konsequenzen: „Wie zum Teufel vermittelt man einen Beruf, der dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit Produkte entgegenstellen muss, die niemand haben will?“, so Harry Kramer in seinen „Play it again“ betitelten Erinnerungen. „In schwachen Momenten wurde er das Gefühl nicht los, der Minister müsste sich geirrt haben und irgendwann dahinter kommen“ und: „Er hatte nicht die geringste Vorstellung von dem Beruf“. Über sein Atelier, das er in den folgenden 15 Jahren zugleich als Wohnung bezog, notierte er: „Du bist bescheuert, Kleiner! Lebst in einem Flughafenterminal. Nichts als Glas, Stahl und Beton. Nachts dämliche Fliegen, die den Ausgang nicht finden. Tags Latzhosen und Clogs, die sich einbringen wollen und so was Undefinierbares wie die Seele auf dem Schreibtisch zerfließen lassen …“ und: „Wenn es wahr ist, dass die Welt ohne Kunsthochschulen keinen einzigen guten Künstler weniger vorzuweisen hat, aber eine wesentlich geringere Zahl schlechter, wird es für den Lehrer mit der Legitimierung seines Handelns kompliziert“. Eine seiner Konsequenzen: Die offenen Grenzen des damaligen Gesamthochschulkonzeptes offensiv ignorierend, nahm er niemals Kunstpädagogikstudenten in sein „Atelier Kramer“ auf, und auch Studentinnen hatten dort keinen leichten Stand: „Frauen sind für Kunst eher ungeeignet“, lautete in den 80ern ein ihm zugeschriebenes Zitat, das in der Kunsthochschule die Runde machte. Die Erwartungen an seine Studenten, von ihm leicht geschärft formuliert: „Sie werden brennen müssen, wie Wunderkerzen, um das Verglühen der Vorgänger zu illuminieren.“ Harry Kramers Asche wurde 1997 in kleinem Kreis am Blauen See im Kasseler Habichtswald beigesetzt, auf dem Areal des Künstlerfriedhofes, der Künstlernekropole, seinem letzten künstlerischen Projekt.

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