Ökonomie und Ethik in der Helferbranche

4. Gesundheitsforum der Gesundheit Nordhessen Holding

Ludwig Georg Braun, Aufsichtsratsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG, Staatssekretär Steffen Saebisch aus dem hessischen Wirtschaftsministerium, Gerhard M. Sontheimer, Vorstands-vorsitzender der Gesundheit Nordhessen Holding AG, Stefan Dräger, Vorstandsvorsitzender der Lübecker Dräger AG, und Prof. Heinz Lohmann aus Hamburg, Erfinder des Begriffs „Gesundheitswirtschaft“ (v.l.). Foto: Mario Zgoll

Ludwig Georg Braun, Aufsichtsratsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG, Staatssekretär Steffen Saebisch aus dem hessischen Wirtschaftsministerium, Gerhard M. Sontheimer, Vorstands-vorsitzender der Gesundheit Nordhessen Holding AG, Stefan Dräger, Vorstandsvorsitzender der Lübecker Dräger AG, und Prof. Heinz Lohmann aus Hamburg, Erfinder des Begriffs „Gesundheitswirtschaft“ (v.l.). Foto: Mario Zgoll

Sind Sie gesund? Also, ich bin eigentlich ganz gesund. Manchmal habe ich den Verdacht, das könnte daran liegen, dass ich an meine Gesundheit in der Regel keinen Gedanken verschwende. Ich mache einen großen Bogen um alle Medikamente (außer es muss unbedingt sein, und dann soll das Zeug bitte sofort wirken); außer Zahnarztkosten hin und wieder trage ich nichts zu dem 18 Prozent-Anteil bei, den die „Gesundheitswirtschaft“ in Nordhessen am gesamten Wirtschaftsaufkommen erzielt.
15 Prozent aller Beschäftigten verdienen nichts an mir. Unverantwortlich.

„Ich wurde krank“, schreibt Saint-Simon, der große Chronist des Zeitalters Ludwigs XIV., der als Memoirenschreiber Casanova bei weitem in den Schatten stellt, „glücklicherweise konnte ich auf´s Land fliehen, entging so dem Zugriff der Ärzte – und überlebte“.

Zeiten haben sich gewandelt
Nun, diese Burschen damals hatten nicht viel mehr drauf als den allgegenwärtigen Aderlass, der die Sache oft eher verschlimmerte. Die Zeiten haben sich zum Glück gewandelt. Sollte ich demnächst doch krank werden, bin ich sicher, dass da eine Armee selbstloser Helfer, allesamt Könner ihres Fachs, nur darauf wartet, mich wieder aufzupäppeln, wozu ihnen Firmen wie B. Braun in Melsungen oder Dräger in Lübeck, die weltweit spitze sind, die ausgefuchstesten Gerätschaften zur Verfügung stellen. Sie sehen, der Schreiber dieser Zeilen latschte weitgehend erfahrungs- und kenntnisfrei, aber zutraulich und wissbegierig in das schicke E.ON-Mitte-Gebäude oben in Wilhelmshöhe, wo bereits das vierte Gesundheitsforum der Gesundheit Nordhessen Holding stattfand, unter dem Titel „Gesundheitswirtschaft als Wachstumsfaktor und Jobmotor“.

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Edel gewandete Damen und Herren nehmen in einem Saal auf Stuhlreihen Platz (der schludrige Schreiberling wirkt bei so was immer ein bisschen wie der Penner auf der Promenade), um fünf beanzugten Herren auf dem Podium zu lauschen, vier mit Schlips, einer mit Fliege, die um eben dieses Thema diskutieren sollen. „Gesundheitswirtschaft“. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt. Gibt es auch noch nicht lange, der Begriff wurde in den 90ern erfunden, und der Erfinder leitet die Diskussion: Prof. Heinz Lohmann aus Hamburg, kein Mediziner, sondern Wirtschaftswissenschaftler und „Gesundheitsunternehmer“. Außerdem „sammelt und fördert er experimentelle Gegenwartskunst“. Die weiteren Diskutanten sind Steffen Saebisch (FDP), Staatssekretär im Hessischen Wirtschaftsministerium, die Aufsichtsrats- bzw. Vorstandschefs der erwähnten Spitzenfirmen, die, wenig überraschend, Braun und Dräger heißen.

Zunächst hält der mit Fliege einen Vortrag. Es handelt sich um Gerhard M. Sontheimer, Vorstandschef des Gastgebers, und er stellt die Erfolge des letzten Jahres heraus: Zum dritten Mal Gewinn in Folge (ca. 5 Mio.), Investitionen in die Zukunft, neue Bauten, ein neues Zentrum für Frauen- und Kindermedizin. Er scheint aus dem Schwäbischen zu kommen, der Schreiber stutzt mitten im eifrigen Notieren bei dem Wort „Gewürzhilfe“, aber natürlich ist von Geburtshilfe die Rede. Dann die Diskussion, die keine ist, denn die Teilnehmer sind sich einig: Gesundheit ist ein gewinnorientiertes Geschäft, und das ist gut so. Aber noch überreguliert. Die Politik soll sich gefälligst raushalten. Dann sind die Zukunftsaussichten rosig.

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