Braucht Nordhessen Visionen? Oder vielleicht doch mehr?

Dieter Posch, Hessischer Wirtschaftsminister a.D.

Dieter Posch, Hessischer Wirtschaftsminister a.D. Foto: nh

Bundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Sollen also die Autoren von „Jérôme“, die Visionen für Nordhessen formulieren, alle zum Arzt? Visionen, die zu gemeinsamen Zielen führen, würde der allseits anerkannte Altkanzler sicherlich auch nicht ablehnen.

Es geht nicht um Phantasien, sondern um Zielvorstellungen, bei denen sich im gemeinsamen Diskurs zeigen muss, ob sie geeignet sind, Fortschritte für unsere nordhessische Heimat zu ermöglichen. Zugegeben, Nordhessen hat später als andere Regionen Selbstbewusstsein entwickelt. Es soll auch nicht als Entschuldigung dienen, doch die Historie erklärt vieles.

Nordhessen war Grenzland! Die Menschen waren geprägt vom Verlust des Hinterlandes. Hinter Altenburschla war nichts mehr! Fehlende Investitionen bewirkten ein Übriges. Die Region lebte von der Zonenrandförderung, und der „Zonenrand“ prägte das Bewusstsein der Menschen. Da war kein Platz und keine Notwendigkeit für Visionen, die deutsch-deutsche Grenze erschien auch im übertragenen Sinne fest zementiert zu sein. Das Zonenrandbewusstsein führte zu Forderungen, der reiche Süden müsse helfen. Eigeninitiative? Fehlanzeige. Und die Antwort aus dem Süden: Was wollen die aus hessisch Sibirien schon wieder? Und die Politik rief: Das Land muss helfen! Und wenn die Hilfe nicht ausreichend war, wurde gezetert, meist parteiübergreifend. Alles in allem: Wieder kein Anlass, Eigeninitiative und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Das änderte sich durch zwei Ereignisse. Einmal war da die Wiedervereinigung, und zweitens war es das Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft. Plötzlich erinnerte sich die Region ihrer Stärken und aktivierte sie. Nordhessen, eine moderne Industrieregion. Logistik als natürliche Folge der in der Mitte Deutschlands liegenden Region, Mobilitätswirtschaft, moderne, die Umwelt entlastende Technologien standen im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere durch eine tolle Zusammenarbeit mit der Universität Kassel, die völlig neue Ansätze des Technologietransfers aufzeigte und praktizierte. Es folgten Gesundheitswirtschaft und Tourismus. Alles Ideen im Regionalmanagement, das mittlerweile allenthalben Nachahmer findet.

Und ohne es zu merken, spielten Visionen, die sich zu konkreten Zielen entwickelten, eine Rolle.

Zwei Jahre nach dem zehnjährigen Geburtstag des Regionalmanagements macht es Sinn, neue Handlungsfelder zu finden und bestehende weiterzuentwickeln. Zielvereinbarungen zwischen Politik, Arbeitnehmer- und Arbeitgeberschaft zu treffen: Auf der Grundlage von Visionen.

Hin und wieder gibt es auch bei uns „separatistische“ Tendenzen. Das macht keinen Sinn in einer Zeit des Wohlstands, in der Politik mehr denn je in der Gefahr ist, Egoismen zu unterstützen, geht es doch darum, das Haus Nordhessen mit einem weiteren Stockwerk neuer Ideen zu füllen. Und dazu brauchen wir Visionen, einen Ansatz. Eine schöne Idee von „Jérôme“? Ich meine schon!

Ihr Dieter Posch

Hessischer Wirtschaftsminister a.D.

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