Dr. Thorsten Ebert: Raus aus der Individual-Nische, rein ins öffentliche Leben

Dr. Thorsten Ebert, Vorstand der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft AG. Foto: nh

Dr. Thorsten Ebert, Vorstand der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft AG. Foto: nh

Dem Charme von E-Pkw kann sich kaum jemand entziehen. Überzeugend modern und umweltfreundlich sind diese leisen und fast emissionsfreien Fahrzeuge. Doch trotz aller Faszination: Der weiteren Etablierung auf dem Markt stehen die hohen Anschaffungspreise der Autos und ihre begrenzte Leistungsfähigkeit entgegen.

Zweifel, ob der Privatkunde überhaupt der richtige Adressat für die flächige Durchsetzung der neuen Produkte ist, sind berechtigt. Mehr Chancen bietet ein anderer Ansatz: Die Förderung von E-Fahrzeugen die nicht personengebunden, sondern öffentlich nutzbar sind. Die ÖPNV-Branche, Car-/Bike-Sharing-Anbieter und Energieversorger kommen hier ideal als Innovationstreiber in Frage. Sie verfügen über das Know-how für öffentliche Mobilität, die notwendige Infrastruktur und die technischen Tools. Bei diesen Ansätzen geht es somit auch um eine Markteinführungsstrategie, die für die Fahrzeughersteller interessant sein dürfte.

Genau an diesen Punkten setzen die Aktivitäten der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft AG (KVG) und der Städtische Werke AG, Kassel, an. Gemeinsam mit den Partnern aus der Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) wurden im Jahr 2011 insgesamt 70 Ladepunkte für E-Autos in Nordhessen aufgebaut und eine erste Flotte von etwa zehn E-Autos sowie eine noch größere Zahl von E-Bike angeschafft. Einige Ladepunkte wurden in der Nähe von Bahnhöfen oder Park-and-Ride-Plätzen installiert, um eine intermodale Verkehrsmittelnutzung zu fördern. Zudem wurde bereits eines der E-Autos als Car-Sharing-Fahrzeug bereitgestellt. Ziel ist es, Car-Sharing nicht als paralleles Angebot zum ÖPNV laufen zu lassen, sondern als integralen Bestandteil des ÖPNV.

Gemeinsam mit dem Regionalmanagement Nordhessen, der Universität Kassel und weiteren Partnern werden derzeit Konzepte entwickelt, die vor allem auf Touristen und Veranstaltungsbesucher ausgerichtet sind.

Im kommenden Jahr soll dazu ein Projekt starten. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Die Stadt ist im Jahr 2013 Gastgeberin zahlreicher Veranstaltungen. Im Juni etwa steht der Hessentag an, in diesen zehn Tagen werden rund eine Million Besucher erwartet. Die Stadt feiert zudem ihr 1100-jähriges Jubiläum mit Ganzjahresprogramm. Das Stadtfest, der Zissel, das Brüder Grimm-Festival und weitere Events werden ebenfalls Tausende Besucher nach Kassel ziehen.

Wer möchte, soll künftig auch schon vor seiner Anreise oder im Hotel via Internet ein ÖPNV-Ticket, E-Pkw oder Pedelecs mieten und auch auf das Leihfahrradsystem Konrad einfach zugreifen können. Ziel ist es, Kassel-Besuchern zu signalisieren, dass sie ihr Auto zu Hause lassen können, weil vor Ort alle notwendigen Mobilitätsangebote verfügbar sind.

Bereits in diesem Jahr hat die KVG einen E-Bus im Fahrgastbetrieb getestet: Auf der documenta-Linie d13 wurde für etwa zwei Wochen erstmals in Deutschland ein E-Bus der Firma Solaris eingesetzt. Der Test soll im Frühjahr 2013 mit einem weiter entwickelten E-Bus für zwei Jahre auf verschiedenen KVG-Linien fortgesetzt werden. Alle Angebote, egal ob im ÖPNV, beim Car-Sharing oder in einem Leihfahrradsystem sollen idealerweise über ein einziges Ticket buchbar sein. Wenn E-Mobilität zum öffentlich nutzbaren Gut wird, verleiht ihr dies, so die Annahme, auch den Schwung, um sich im Markt zu etablieren.

Dr. Thorsten Ebert
Vorstand der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft AG

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