Hubertus Meyer-Burckhardt: Energien freisetzen …

hubertus-meyerGilt es in Deutschland Politiker zu wählen, rutscht die Wahlbeteiligung auf historische Tiefstände. Zuletzt in Bayern. Könnte es daran liegen, dass das personelle Angebot aller Parteien manchmal als Zumutung empfunden wird?

Aber plötzlich verändert ein Mann die Welt: Barack Obama. Die Menschen strömen zu den Wahlurnen, selbst und gerade junge Leute, denen ja gemeinhin Wahlmüdigkeit nachgesagt wird. Die Gründe sind vielfältig, gewiss. Aber ein maßgebliches Motiv für das Bekenntnis zu diesem Mann ist wohl, dass er eine Vorstellung, eine Idee, ja vielleicht sogar eine Vision hat, wie die Gesellschaft, wie das Gemeinwesen Staat jetzt und in der Zukunft aussehen sollte. Solche Köpfe sind selten; gebraucht werden sie indes mehr denn je.

Nicht nur die Welt, die Supermacht, die Nation braucht Führung. Die Kommune ebenfalls. Eine Stadt (wie Kassel) muss um ihre Vorzüge wissen, die Herausforderungen kennen und Ziele definieren. Vielleicht sogar toll-kühne Ideen. Überforderung tut manchmal ganz gut, weil nur so Energien wirklich freigesetzt werden.

Mich hat vor einigen Wochen die  in der HNA abgedruckte To-Do-Liste von Bertram Hilgen beeindruckt. Vieles von dem hat meine Unterstützung. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich mich beispielsweise  trotz mancher Kritik für die Fulda-Promenade öffentlich eingesetzt.  Obwohl ich mich nicht weiter in die Tagespolitik meiner Heimatstadt einmischen möchte, erlaube ich mir frecherweise die Bertram-Hilgen-Liste etwas zu erweitern. Aus sicherer Distanz. Da wir einander schätzen, wird er es mir nachsehen.

1. Kassel braucht ein Jahrhundert-Projekt, vergleichbar mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses in Berlin oder der Frauenkirche in Dresden. Aus meiner Sicht könnte das nur die Herkules-Bahn sein. Bedenken Sie in diesem Zusammenhang den historischen (und touristischen) Wert der Cable Cars für San Francisco. Hinzu kommt: Die Herkules-Bahn verbindet den Kasseläner mit dem Wahrzeichen der Stadt!

Vernetzung! In der neuen Medienwelt ist Konvergenz das Modewort schlechthin. Nennen wir es hier und jetzt mal Vernetzung. Also:

2. Bekommt man für ein KSV-Ticket Ermäßigung im Staatstheater beziehungsweise umgekehrt? Führt eine der Kasseler Taxi-Zentralen 1 Cent pro Tour für die Wiedererrichtung eines historischen Gebäudes ab? (In meiner Wahlheimat Hamburg ist dies der Fall.)

3. Plant das Staatstheater Kassel mit den Schauspielern, deren Wiege in Kassel stand, Projekte, zum Beispiel Lesungen. Immerhin: Oliver Stokowski, Stefan Hunstein, Otto Sander, Barabara Rudnik und natürlich Witta Pohl ergeben ein exquisites Ensemble. Und nationale Beachtung, die das Staatstheater im Moment zu Recht erfährt, ließe sich noch ausbauen. (Der Kassel-Beirat steht hier bei Bedarf hilfreich zur Verfügung.)

4. Erfährt Rolf-Dieter Postlep, Präsident der Universität, genug Unterstützung bei seinem Versuch, die documenta nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wenn sie gerade nicht stattfindet? Bekommt er das Geld, das er benötigt?

5. Gibt es einen Runden Tisch, der die Repräsentanten Kassels aus Industrie, Kultur, Sport und Politik viermal im Jahr zusammenführt? Und zwar nicht um die Probleme der Gegenwart zu besprechen, sondern den Weg, den es einzuschlagen gilt? Ist ein DAX-Unternehmen wie Wintershall da hinreichend eingebunden?

Man könnte fortfahren. Aber belassen wir es bei fünf Punkten. Nennen wir es doch griffig die „Herkulesaufgaben“.

Fördern Sie, liebe Leser, Bertram Hilgen bei seinen Anstrengungen. Aber fordern Sie ihn auch. Fordern Sie den OB, die Opposition und legen Sie den Repräsentanten der Kasseler Politik die Idee nahe, dass kleinlicher Parteien-Streik der Stadt nicht hilft. Fordern Sie die, die Sie gewählt haben! Sie haben doch gewählt … ?

Prof. Hubertus Meyer-Burckhardt ist Filmproduzent und Gastgeber der ndr-Talkshow. Er lebt in Hamburg und Berlin.

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Ein Kommentar

Max Meyer Burckhardt

Habe mir das gerade durchgelesen und ich muss sagen dass ich dein Engagement für deine Heimatstadt bewundernswert finde.
Gruss Dein Sohn

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