Leidenschaft Fliegen

Von oben sieht die Welt ganz anders aus. Wie an einer Perlenkette reihen sich Bäume entlang der Straßenränder aneinander, Häuser und Verkehrsadern der Stadt zeigen sich in beeindruckend logischer Anordnung. Alles scheint wie bei einem Puzzle ineinander zu greifen. Die Entfernungen schrumpfen auf ein Minimum. Fast gleichzeitig fällt der Blick auf die Buga, das VW-Werk und den Stau auf der A49. Es ist ein wahrer Genuss, auf rund 5000 Fuß dem sonoren Brummen des Propellers zu lauschen und die Aussicht zu genießen: Freiheit.

Oliver Liedmann und Björn Schönewald über den Kasseler Wolken. Foto: Mario Zgoll

Oliver Liedmann und Björn Schönewald über den Kasseler Wolken. Foto: Mario Zgoll

„Deshalb wollte ich, dass Sie mitfliegen“, sagt Oliver Liedmann, Betreiber der UL-Flugschule light-wings in Kassel-Calden. Es stimmt, man muss es erlebt haben. „Da passen wir durch“, sagt er und steuert auf ein Loch in der Wolkendecke zu. Es kommt näher, wird größer und plötzlich sind sie unter uns, die weißen Schwaden, die über den herbstlichen Kasseler Himmel ziehen. Hier oben ist es noch friedvoller, niemand scheint mehr an dem Ultraleicht-Flugzeug zu zerren oder zu schieben, wie es die Thermik eben noch vermittelte. Der Boxer-Motor vor uns schnurrt, wir schweben über den Himmel, die Instrumente melden: alles bestens.

„Die Flieger sind eine große Familie“, sagt Oliver Liedmann und schon nach wenigen Minuten duzen wir uns. Am Boden hatte er mir die Instrumente erklärt, gezeigt, dass in der Luftfahrt alles doppelt ist, die Benzinpumpe etwa oder der Zündkreislauf. Hier oben zeigt er mir, wie man die Maschine steuert. „Wir bieten immer zuerst eine Schnupperstunde oder einen Schnupperkurs, in dem man erste Praxiserfahrung sammeln kann“, erklärt er. „Es herrscht die Meinung vor, dass man beim Fliegen lernen zunächst viel Theorie pauken und perfekte Englischkenntnisse haben muss, das ist aber nicht so. Bei uns soll man verstehen, wie sich so ein Flugzeug verhält, nach und nach kommt dann die Theorie dazu. Und so lange man nicht internationale Flughäfen ansteuern möchte, kommt man bestens mit Deutsch klar.“

Jetzt soll ich nach rechts fliegen, dem Lauf der Fulda folgend. Die Maschine neigt sich zur Seite und beschreibt eine Kurve. „Hast Du jetzt gelenkt?“, frage ich Oliver, denn ich habe nicht das Gefühl, den Steuerknüppel bewegt zu haben. „Nein“, sagt er, „manchmal reicht es, wenn man hinsieht.“ Als wir landen müssen, erklärt er mir wie und unterstützt mich bei der Umsetzung. Hier und da greift er korrigierend ein, lässt mir aber das Gefühl, die Sache im Griff zu haben. Und dann sind wir auch schon wieder am Boden. Die Schnupperstunde ist wie im Flug vergangen. Jetzt weiß ich, woher diese Redewendung kommt. Weitere Infos gibt es unter www.ultraleicht.de.

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.