Leidenschaft Musik

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Bärenreiter ist einer der weltweit größten Verlage für klassische Musik und hat seinen Hauptsitz in Kassel mit Filialen in Basel, London, New York und Prag. 1923 von Karl Vötterle gegründet, leistet Bärenreiter Pionierarbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlich fundierten Komponisten-Gesamtausgaben. Die Palette der Notenausgaben umfasst alle Bereiche der klassischen Musik und schließt auch Musikpädagogik mit ein. In Kassel beschäftigt der von Barbara Scheuch-Vötterle und ihrem Mann Leonhard Scheuch geleitete Verlag 120 Mitarbeiter.

Jérôme: Frau Professor Scheuch-Vötterle, auf welche Musik könnten Sie überhaupt nicht verzichten?

Scheuch-Vötterle: Ich könnte auf Musik nicht verzichten. Es gibt Phasen, da fühle ich mich wohl bei Berlioz, es gibt Phasen, da schwelge ich in gut gesungenen Händel- oder Mozart-Arien und manchmal höre ich gerne die Beatles.

Jérôme: Bach, Händel, Mozart, Schubert und viele andere Klassiker schmücken das Verlagsprogramm. Wie aber wird heute ein neuer Bärenreiter-Komponist entdeckt?

Scheuch-Vötterle: Das ist unterschiedlich. Zum einen schicken uns Komponisten ihre Werke. Die werden von einem Fachlektor geprüft. Der zweite Weg ist, dass wir an den Orten sind, wo zeitgenössische Musik aufgeführt wird, um junge Komponisten kennenzulernen. Dann gibt es noch die Möglichkeit, dass wir Empfehlungen von den Komponisten bekommen, die schon von Bärenreiter verlegt werden. Der Bereich der zeitgenössischen Musik wird vom Klassikerprogramm finanziert. Die Investition in die zeitgenössische Musik ist nicht kurzfristig vom wirtschaftlichen Aspekt zu betrachten, es ist eine Investition in die Zukunft. Das darf einen Verleger aber nicht davon abhalten, Komponisten zu fördern, im Gegenteil, er hat sogar die Verpflichtung, hier als Mäzen aufzutreten. Aber man kann das natürlich nicht unendlich ausdehnen.

Jérôme: Gibt es ein besonderes Erlebnis, eine Begegnung mit einem berühmten Komponisten in Ihrer Kindheit?

Scheuch-Vötterle: In einem Verlagshaushalt aufzuwachsen, bedeutet, sehr früh mit Musik, mit Komponisten und Interpreten in Berührung zu kommen. Viele Gespräche – so ist das auch heute bei uns – finden nicht im Büro, sondern in der häuslichen Umgebung statt. So habe ich zum Beispiel als Kind Paul Hindemith bei uns erlebt – nicht wissend, wer sich hinter diesem Namen verbirgt. Wie es sich damals für ein etwa 10-jähriges Mädchen gehörte, besaß ich ein Poesiealbum. Als Frau Hindemith mit meiner Mutter in die Stadt fuhr, bat ich  Paul Hindemith um einen Eintrag in mein Album. Er hatte die Abwesenheit seiner Frau genutzt, um mit meinem Vater reichlich Whisky zu trinken, und schrieb mir dann die Zeile „Paul Hindemith wünscht vergnügten Bärenritt“. Dazu zeichnete er einen trabenden Bären, der durch den Alkoholgenuss des Zeichners ein bisschen aussah wie ein Rhinozeros. Just in dem Moment kam seine Frau wieder – es gab einen Heidenkrach zwischen dem Ehepaar. Ich habe mir als Kind geschworen: Wenn Du mal verheiratet bist, gehst du so nie mit deinem Mann um!
www.baerenreiter.com

Interview mit Frank Eichler

Jérôme: Was macht gute Musik aus?

Eichler: Gute Musik erzeugt Gefühle und bewegt den Zuhörer. Sie ist geprägt von rhythmischen, harmonischen und dynamischen Elementen, die den Menschen, der sie hört oder ausübt, stark berührt. Grundsätzlich unterscheide ich zwischen gehörter und selbst gespielter Musik. Die selbst gespielte Musik ist immer gute Musik, weil der oder die Ausübende, sich mit jedem gespielten Ton weiterentwickelt und die Musik ein Teil des Lebens wird.

Jérôme: Wann haben Sie Musik als Leidenschaft für sich entdeckt?

Eichler:
Bei uns zuhause spielte die Musik immer eine große und wichtige Rolle. So hatte ich die Gelegenheit mich an die Musik heranzuhören und zu tasten. Leidenschaftlich erwischte es mich mit 15/16 Jahren, es gab Zeiten, da konnte ich an keinem Klavier vorbeigehen, ohne darauf zu spielen.

Jérôme: Was hören Sie privat?

Eichler: Ich bin sehr offen für viele musikalische Richtungen. Ich liebe klassische Musik, die Ruhe und Kraft benötigt, ebenso liebe ich verschiedene Arten von Jazz und Rock-Musik. Es gibt auch manchen aktuellen Song, den ich gerne höre.

Jérôme: Welche Instrumente spielen Sie selbst?

Eichler: Ich habe im Alter von 8 Jahren mit der Violine begonnen, mit 12 Jahren bekam ich Klavierunterricht, ich liebte den Klang des Steinway-Flügels meiner Eltern und jedes schlechtere Instrument inspirierte mich dazu Klavierbauer zu werden. Nebenher versuchte ich mich auch auf der Gitarre und sang im Extrachor des Staatstheaters. Instrumente wie Querflöte oder Trompete reizten mich ebenfalls kurzzeitig. Das Klavier ist aber eindeutig mein Lieblingsinstrument.

Jérôme: Was war Ihr bisher prägendstes musikalisches Erlebnis?

Eichler: Das ist schwer zu sagen, es gab viele wunderschöne musikalische Erlebnisse. Zwei möchte ich herausstellen. Eine Aufführung beziehungsweise die Erarbeitung von Wagners „Lohengrin“ im Kasseler Staatstheater 1977, bei der ich im Chor mitwirkte und ein gemeinsames Konzert von Chick Corea und Herbie Hancock auf zwei Flügeln in der Jahrhunderthalle Frankfurt.

Jérôme: Welchen Künstler würden Sie gerne einmal persönlich treffen?

Eichler: Sir Simon Rattle, er hat eine unglaubliche, nicht nur musikalische Energie.

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.