Voneinander lernen

Die Region ist bei der Erforschung von Elektromobilität gut vernetzt
Mehr als 60 Prozent der Neufahrzeuge in Deutschland werden für gewerbliche Zwecke zugelassen. Und weil Fahrten im betrieblichen Bereich in der Regel gut prognostizierbar sind, kommt dem Einsatz von Elektromobilität gerade hier eine besondere Rolle zu. Auch auf kommunaler Ebene setzt man sich mit E-Mobilität auseinander, so zum Beispiel in einem gemeinsamen Konzept der Kommunen Baunatal, Borken und Reinhardshagen. Auf der Veranstaltung „Elektromobilität im betrieblichen Einsatz“ im VW-Werk Baunatal präsentierte man einem Fachpublikum Erkenntnisse und Hintergründe.

Peter Hammerschmidt, (Präsident Wirtschaftsgemeinschaft Baunatal), VW-Logistikleiter Jörg Fenstermann, Erste Stadträtin Silke Engler (Baunatal), Referentin Charlotte Wallin (Hochschule Kempten) Ladeinfrastrukturexperte Nicolas Spengler (EAM) E-Mobilitätsspezialist Manuel Krieg (Regionalmanagement) und VW-Sprecher Heiko Hillwig (v.l.).

Peter Hammerschmidt, (Präsident Wirtschaftsgemeinschaft Baunatal), VW-Logistikleiter Jörg Fenstermann, Erste Stadträtin Silke Engler (Baunatal), Referentin Charlotte Wallin (Hochschule Kempten) Ladeinfrastrukturexperte Nicolas Spengler (EAM) E-Mobilitätsspezialist Manuel Krieg (Regionalmanagement) und VW-Sprecher Heiko Hillwig (v.l.).

Interesse ist groß
„Wir hatten mit 40 Anmeldungen gerechnet, rund 120 sind es geworden“, berichtet Dr. Astrid Szogs, Leitung des Clusters Mobilität des mit der Begleitung des interkommunalen Projekts beauftragten Regionalmanagements Nordhessen. Eine Resonanz, die das große Interesse am Thema verdeutlichte.

Informationen aus erster Hand
Die Fachbesucher der Veranstaltung hatten nicht nur Gelegenheit, E-Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns anzuschauen und auszuprobieren und an einer Werksführung teilzunehmen, sie bekamen auch viele aufschlussreiche Informationen aus erster Hand: Für welche Anwendungsfälle bietet Elektromobilität heute Lösungen und Vorteile, welche Ladeinfrastruktur kann installiert werden, welche Möglichkeiten des Betriebs und der Abrechnung und Verwaltung bieten sich und was ist beim Netzanschluss zu beachten.

Wertschöpfung bei Batterietechnik steigt
Nach einführenden Worten von Manuel Krieg, im Regionalmanagement zuständig für clusterübergreifende Projekte, begrüßte Jörg Fenstermann, verantwortlich für Logistik und Lagerverwaltung am VW-Standort, die Gäste im Volkswagenwerk Kassel. Fenstermann schilderte die Trends der Branche und auch die zunehmende Beliebtheit, der sich E-Up, E-Golf und Audi E-Tron erfreuen, deren Elektromotoren in Kassel gefertigt werden. 2000 Einheiten des E-Antriebs sollen hier künftig pro Tag produziert werden.

Während der Wertschöpfungsanteil des Antriebs in Fahrzeugen künftig sinken werde, würden Batterietechnik und auch Abgasanlagen einen höheren Beitrag leisten. Insbesondere letztere würden zunehmend komplexer und in der Hybridisierung weiterhin benötigt.

Entwicklung vorantreiben
Reichweite und Ladeinfrastruktur seien die großen Themen der Elektromobilität im betrieblichen Einsatz, wie Baunatals Erste Stadträtin Silke Engler verdeutlichte. Sie stellte das interkommunale Konzept von Baunatal, Borken und Reinhardshagen vor. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur sei keine Aufgabe von Stadt oder Gemeinde, jedoch könne man helfen, die Entwicklung voranzutreiben. Interkommunale Zusammenarbeit sei dabei sehr sinnvoll, denn man müsse nicht in jedem Rathaus das Know-how aufbauen.

Bürgermeistersäule nicht immer optimal
Bei der Konzeptentwicklung für die Ladeinfrastruktur sei es entscheidend, welche Ladesäulen man wo platziere. Die „Bürgermeistersäule“ vor dem Rathaus sei prestigeträchtig, aber vielleicht nicht immer der optimale Standort. „Die Leute müssen von sich aus da hinkommen, wo die Säulen stehen, nicht wegen der Säulen allein“, unterstrich Engler. Auch müsse man teure Schnelladesäulen nicht überall im Einsatz haben, sondern könne nach Verweildauer der Nutzer priorisieren. So habe Baunatal Parkplatzladesystem mit dreimal elf Kilowatt am neuen Kino platziert, wo die Menschen eine Filmlänge verweilen und das Fahrzeug somit genügend Zeit zum Laden habe. Am autobahnnah gelegenen Einkaufszentrum Ratio seien hingegen Schnellladesäulen die bessere Wahl, weil hier auch Fahrzeugnutzer von der Autobahn für eine schnelle Weiterfahrt versorgt werden könnten.

Nutzungshürden in den Köpfen abbauen
Das Konzept der Kommunen berücksichtige deshalb Standort, Technik und Nutzer-Motivation und setze auf den Abbau von Nutzungshürden in den Köpfen. Die Stadträtin verwies dabei auf ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit der bdks – Baunataler Diakonie Kassel als Betreiber der Begegnungsstätte Markt 5 in der Innenstadt, wo man sich einen e-Golf für bis zu 100 Kilometer kostenfrei ausleihen kann. Das Fahrzeug wird gemeinsam mit den Partnern Deutsche Märchenstraße und Regionalmanagement Nordhessen über das Projekt „Elektromobilität entlang der Deutschen Märchenstraße“ zunächst für ein Jahr als Carsharing-Pkw bereitgestellt. Wartung, Pflege und Verleih-Service übernimmt die bdks.

Nicht nur Autos im Blick
„Wir reden aber nicht nur von Autos“, erklärte Engler, „auch Pedelecs beziehungsweise E-Bikes benötigten eine vernünftige Ladeinfrastruktur, die zudem mit Aufbewahrungsmöglichkeiten für die Fahrräder gekoppelt sein müsse.“

Integration in Firmenfuhrpark
Von der Hochschule Kempten angereist war Referentin Charlotte Wallin, die darüber berichtete, wie man gemeinsam mit der Firma monalyis GmbH Flottenbewegungen erfasst, um E-Fahrzeuge möglichst passgenau in den betrieblichen Fuhrpark zu integrieren. Bestehende Firmenfahrzeuge würden dabei mit Datenloggern ausgestattet und über einen Zeitraum von sechs Wochen beobachtet. Hierdurch sei eine Analyse des Einsatzes möglich, die Aufzeige, welche Fahrzeuge aufgrund ihres Bewegungsprofils problemlos durch E-Fahrzeug ersetzt werden könnten. Das Ergebnis erschlägt viele Reichweitendiskussionen: „Der Hauptteil der gefahrenen Strecken mit Firmenfahrzeugen beträgt einen bis fünf Kilometer“, deutlich weniger also, als man denkt.

Nicht viel teurer als Verbrenner
Die Erkenntnisse aus den Untersuchungen reichen aber noch weiter, wie Wallin erklärte: „Die Daten geben auch Auskunft darüber, wo die Fahrzeuge stillstehen und wo sich Ladesäulen lohnen.“ Ebenso könne man erkennen, ob der Fuhrpark zu groß sei und man gegebenenfalls zwei Fahrzeuge durch eins ersetzen könne. Ermittelt würden auch die Total Costs of Ownership. Hiernach sei ein E-Auto im direkten Vergleich pro Monat zwischen 10 und 15 Euro teurer als ein Verbrenner. Werte, die mit steigenden Produktionszahlen weiter sinken werden.

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