Hans Eichel: Innen- und Außenansichten über Kassel

Ich bin eingeborener Nordhesse. Meine Großeltern sind im Jahr 1900 nach Kassel zugezogen; väterlicherseits kamen sie aus Thüringen, mütterlicherseits aus Ostwestfalen. So war das in der Gründerzeit, als Kassel zur Großstadt wurde.

Hans Eichel, Oberbürgermeister und Bundesfinanzminister a.D. Foto: privat

Hans Eichel, Oberbürgermeister und Bundesfinanzminister a.D. Foto: privat

Meine Eltern wurden 1904 und 1905 in Kirchditmold geboren, mit „Fullewasser“ getauft. Aber Kirchditmold kam erst 1906 zu Kassel. Bin ich nun wirklich Kasseläner, wie ich immer stolz behaupte? Leise Zweifel bleiben.

Stolz, Kasseläner, Kasselaner, Kasseler zu sein, war lange Zeit nicht einfach. Vor allem die Alteingesessenen trauerten dem am 22. Oktober 1943 untergegangenen Kassel sehr nach. Ihre Lieblingsbeschäftigung schien oft das „Mähren“, was für uns nicht einfach heißt: Geschichten erzählen, sondern schlecht über Kassel reden.

Schlecht oder gar nicht über Kassel reden, das war lange Zeit auch der Brauch in Deutschland. Als Oberbürgermeister habe ich es oft erlebt: Menschen (damals nur Männer), die nach Kassel versetzt worden waren, bei mir ihren Antrittsbesuch machten, erzählten mir regelmäßig, wie schwer ihnen dieser Umzug gefallen sei, wie viel Unverständnis und Mitleid sie im Freundeskreis deswegen hätten ertragen müssen. Wenn sie dann aber vier, fünf Jahre später Kassel wieder verlassen mussten, dann gingen sie meist schweren Herzens. Sie hatten erfahren: Kassel war viel besser als alle drinnen und draußen gepflegten Vorurteile. Von Anfang an ganz anders erlebte ich meist die Neubürger, die aus Italien, Spanien, dem Balkan, der Türkei, später auch aus Russland zu uns kamen, die Einwanderer der ersten Generation. Für sie war Kassel Hoffnung auf ein besseres Leben, sie schätzten Kassel, viele wurden hier aktiv, zum Beispiel in Kleingarten- und Sportvereinen. Und die Südländer brachten uns bei, wie man im Sommer auf den Straßen lebt und feiert.

Heute hat niemand in Kassel mehr Probleme, stolz auf seine Stadt zu sein. Seit etwa zehn Jahren geht es hier rasant bergauf. Auch was früher gesät wurde, entfaltet sich nun groß: Die Uni, 1971 gegründet, hat den Durchbruch nach Jahrzehnten geschafft; sie ist die treibende Kraft hinter Kassels wirtschaftlicher Entwicklung, besonders bei den erneuerbaren Energien. Die Kommunalpolitik hat klug und intensiv alle Chancen genutzt, um diese Entwicklung voranzubringen. Die Wiedervereinigung hat Kassel die Lage mitten in Deutschland zurückgegeben: Tourismus und Tagungswesen boomen. Die Stadt wächst um 800 bis 1000 Einwohner im Jahr. Die documenta hat sich als die führende Weltausstellung der Gegenwartskunst etabliert. Und nun ist auch noch unser Wahrzeichen, der Herkules mit den Kaskaden und Wasserspielen, von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden: Da staunt ganz Deutschland und muss sein Kassel-Bild korrigieren. Das hässliche Entlein entpuppt sich als stolzer Schwan. Schön, dass wir Kassel so erleben dürfen.

Stolz ist heute – doch was ist morgen? Stillstand bedeutet Rückschritt, wer rastet, der rostet. Ich denke, dass unser Uni-Präsident recht hat: Unsere Universität braucht eine dritte Ausbauphase auf 25.000–30.000 Studienplätze, der neue Teil eingespannt zwischen Holländischem Platz und Kulturbahnhof, wo das neue Fraunhofer-Institut entsteht. Das würde Kassel auf lange Zeit als blühende Großstadt zwischen Frankfurt und Hannover, Erfurt und Dortmund etablieren – gut nicht nur für unsere Stadt, sondern für ganz Nordhessen. Der OB unterstützt das nachdrücklich. Für dieses neue Ziel sollten wir jetzt alle unsere Kräfte vereinen.

Hans Eichel
Oberbürgermeister und Bundesfinanzminister a.D.

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