Prof. Dr. Reiner Sörries: Die Menschen haben uns nicht im Stich gelassen

Kassel hat mein Leben verändert. Das mag sehr hoch gegriffen klingen, aber es wird deutlicher, wenn ich hinzufüge, dass ich immerhin ein halbes Berufsleben in der Stadt verbracht habe. Und das war gewiss nicht geplant, als ich im Herbst 1991 in Kassel ankam – noch am alten Hauptbahnhof. Den IC-Bahnhof in Wilhelmshöhe gab es noch nicht. Aus dem Frankenland kommend war ich noch in Bebra umgestiegen. Heute haben wir sogar einen Flughafen. Allein daraus wird deutlich, wie sehr sich die Stadt in den gut zwanzig Jahren verändert hat. Und ich gebe zu, das Entrée empfand ich seinerzeit nicht als einladend, als ich kam, um mich für die Stelle eines Museumsleiters für das damals noch gar nicht eröffnete Museum für Sepulkralkultur zu bewerben. Gut zehn Jahre war ich vorher an der Uni in Erlangen, höchstens fünf Jahre wollte ich in Kassel bleiben. Gut zwei Jahrzehnte sind es mittlerweile geworden.

Prof. Dr. Reiner Sörries, Direktor Museum für Sepulkralkultur. Foto: Mario Zgoll

Prof. Dr. Reiner Sörries, Direktor Museum für Sepulkralkultur. Foto: Mario Zgoll

Bereut habe ich es nicht, denn ich empfinde es bis heute als eine wunderbare Aufgabe, ein Museum zu leiten, zumal eines, dessen thematische Ausrichtung auf Sterben, Tod und Trauer keine allzu hohe Publikumsresonanz erwarten lässt. Aber die Menschen in Kassel haben uns nicht im Stich gelassen. Sie kamen und kommen zu uns, besuchen die Ausstellungen, hören Vorträge und Konzerte und feiern hier wilde Feste wie den Dia de los Muertos. Selbst Kinder sind inzwischen darauf versessen, hier ihre Kürbisse für Halloween zu schnitzen oder ihre Kindergeburtstage zu feiern. Dieser Zuspruch aus allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen ist der schönste Dank für eine gewiss nicht immer einfache Zeit.

Wenn ich im Ruhestand Kassel wieder verlassen werde, dann liegt es nicht an der Stadt, die mit ihren kurzen Wegen so herrlich unkompliziert ist; es liegt nicht an den MitarbeiterInnen, in denen ich immer tolle Mitstreiter hatte, es liegt eher an den Veränderungen, die meine Kasseler Zeit auch für mich persönlich gebracht haben.

Prof. Dr. Reiner Sörries
Direktor Museum für Sepulkralkultur

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.