Also, mal ehrlich….

Petra Nagel. Foto: Jörg LantelméNa, Du siehst aber müde aus?“ Meine Freundin meint es gut. Ich bin müde. Ich habe Kopfweh. Und ich will das nicht hören. Schön wäre eine kleine Ablenkung von den harten Fakten, sprich Falten, etwa: „Oh, eine neue Kette? Steht Dir gut!“

Doch der Zwang zur Wahrheit treibt mein Umfeld um. Und mich auch, wenn ich ehrlich bin. Manchmal treffen die kleinen, „wahren“ Bemerkungen mitten ins Herz. Ob bewusst oder unbewusst: Der Tag ist gelaufen. „Hast du abgenommen?“ (Ja, aber ich will das nicht hören. Das heißt doch, ich hatte vorher zugenommen, oder?) „Ich räume mein Auto auch selten auf“, plaudert der Fahrgast, den ich netterweise(!) mitnehme. (Ja, ich müsste das Auto ausmisten, weiß ich doch.) „Mir sind auch schon Kuchen misslungen. Die Gelatine wird schneller fest, wenn Du sie in warme Flüssigkeit rührst …“ (Stimmt. Habe alles falsch gemacht. Die Creme rutscht vom Kuchen. Aber, besser nicht drüber sprechen. Ich ärgere mich schon selbst genug.)

„Sie sind eben auch schon über fünfzig“, sagt mein Arzt. Der Mann hat ja so recht. Als ob ich es nicht selbst wüsste. Nun hat das Zwicken im Knie eben auch einen Namen: Das Alter. Als ich etwas geknickt schaue, setzt er nach: „Ich sage doch nur die Wahrheit, so ist es eben.“

Genau. Sie sind lästig, diese kleinen Wahrheiten. Wie kleine Splitter im Finger. Die Frage ist aber, was sie bringen. Und was ist eigentlich „Wahrheit“? Im Wein könnte sie bekanntlich liegen. Kinder und Betrunkene sollen sie gepachtet haben. Doch, genau wie Schönheit liegt Wahrheit oft im Auge des Betrachters. „Ich habe mich immer gefragt, wer diese Farben trägt“, hörte ich kürzlich von einer Freundin. „Jetzt weiß ich es.“ Betretenes Schweigen. Ich hatte mich in Neongrün gekleidet, mir hat die Farbe schon immer gefallen und zufällig ist sie dieses Jahr auf dem Markt. „Steht Dir aber“, setzte die Gute nach. „Ich würde es trotzdem nie anziehen.“ Ein bisschen fragwürdig, dieses Kompliment. Oje. Mein Neongrün verfärbte sich spontan in ein lebensbejahendes Grau.

Manchmal scheint so eine Art Wahrheitsdroge im Umlauf zu sein, die Satzanfänge wie „Also, mal ehrlich …“, „Ehrlich gesagt …“ oder „Ich sage ja nur, wie es ist“ geradezu vorschreibt. Doch was ist denn die Wahrheit? Ich liebe Neongrün. Neongrün ist, ehrlich gesagt, eine ganz tolle Farbe. Meine Freundin sagt, die Farbe sei hässlich. Ein Freund von mir sagt, so eine Farbe taugt als Blattfarbe, nicht zum Pullover. Mein Mann sagt gar nichts. Mein Arbeitskollege sagt ganz ehrlich, dass mir Neongrün steht und ich gar nicht mehr so müde darin aussähe Es lenke von den kleinen Augenfältchen ab.

Ich bin völlig verwirrt ob all dieser sogenannten Wahrheiten und sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich Ihnen einen bunten Sommer und viel Spaß besonders mit Neongrün wünsche, Ihre Petra Nagel

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