Blick zurück nach vorn

Es gibt ja so Dinge, die sterben langsam aus. Kaugummi-Automaten zum Beispiel. Die von früher, als bei jedem zehnten Dreh noch ein verbeulter Glitzerring erdreht werden konnte. Zigaretten-Automaten. Auch nicht mehr so richtig „in“. Ich habe in einem anderen Jahrtausend noch an Automaten gedreht, die Schachteln herausgaben, in denen 20 Pfennig Wechselgeld steckten. Wenn ich Glück hatte, bekam ich dieses Geld für meine eigenen kleinen Einkäufe. Fünf rote Kirsch-Lutscher gab es für 10 Pfennige. Für 20 Pfennige gab es ein rechteckiges Erdbeereis, das ich geliebt habe. Und zwar aus der Kühltruhe der Nachbarn gegenüber. Die verkauften Eis am Stiel aus der Truhe. Eigentlich ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb, der in Sachen Service und persönliche Betreuung seiner Zeit weit voraus war. Ich habe auch noch in Kannen frische Milch vom Kaufmann geholt. Das fand man irgendwann furchtbar unmodern. Es kamen die Tüten aus Plastik und Papier. Und die Verpackungen. Heute ist es unglaublich innovativ, Verpackungen einzusparen. Alle überlegen, wie es gehen soll. Ich schlage die Milchkannen vor, die wir vor 40 Jahren hatten.

Petra Nagel. Foto: Jörg Lantelmé

Petra Nagel. Foto: Jörg Lantelmé

Doch nicht nur Dinge verschwinden aus der Welt (und kommen manchmal wieder). Auch Sätze. Nach einer Irrfahrt durch verwunschene Wälder in Nordhessen zum Beispiel: „Entschuldigung, wie komme ich denn von hier am besten in die Kreisstadt?“

Der Angesprochene hat mich jüngst ganz überrascht angesehen. Ich sah mich genötigt, eine offizielle Erklärung abzugeben, die einem Outing und einer Bankrott-Erklärung gleichkam: „Ich habe nämlich kein Navi.“ Der Mann hielt mich wahrscheinlich für völlig rückständig. Aber, er blieb freundlich und lief ins Haus. Wahrscheinlich, um den Computer hochzufahren und den Ort zu googlen. Der dann übrigens drei Kilometer entfernt von seinem Heimatort lag. Ich war ziemlich froh für seine Unterstützung. Denn bis auf diesen einen Mann, war niemand auf der Straße. Auch das war früher anders – finde ich. Straßen waren auch Treffpunkte. Nicht nur für Autos, auch für Nachbarn. Ich bin mittlerweile um jeden Hundebesitzer froh, der zu ungewöhnlichen Tages- und Nachtzeiten die Straßen belebt. Und mal Zeit für ein wenig Klatsch und Tratsch hat. So hieß das zumindest früher bei uns im Dorf. Heute heißt es facebook. Es ist wie es ist:

Alles war schon mal da und vieles kommt wieder,
in diesem Sinne eine schöne Zeit

wünscht Petra Nagel

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