Petra Nagels Kolumne: Sitzplatz nur mit großem Kaffee …

Petra Nagel. Foto: Jörg LantelméOh, mit dem kleinen Kaffee können Sie sich nicht setzen, nur wenn Sie einen großen Pott Kaffee nehmen …“ Ich muss ein bisschen fassungslos geschaut haben. Die Bäckerei-Verkäuferin wiederholte ihren Spruch nochmal. „Also, kleiner Kaffee und Rosinen-Brötchen reichen nicht für einen Sitzplatz?“ Ich fragte sicherheitshalber nach. „Nein, eigentlich nicht. Ist Anweisung, aber ausnahmsweise …“

Nee, nun wollte ich auch nicht mehr. Morgens am Bahnhof in Kassel, Eiseskälte, wenig Kunden und dann „setzen nur mit großem Kaffee.“ Ich hatte geglaubt die Zeiten von „draußen nur Kännchen“ gehören endgültig der Vergangenheit an. Aber da hatte ich die Rechnung ohne Vorschriften gemacht. Also: Geraucht wird auf dem Bahnsteig nur im gelben Viereck, einen Warteraum hat zumindest der ICE-Bahnhof in Kassel auch nicht mehr. Bevor man eine normale Karte zweiter Klasse kauft, soll unbedingt eine Nummer gezogen werden und ein kleiner Kaffee reicht dann manchmal auch nicht zum Glück. Was für eine heimelige, geregelte (Bahnhofs)-Welt!

Der erwartete ICE kam übrigens an diesem Morgen erst mit 50 Minuten Verspätung in Kassel an. Kurz vorm Aussteigen in Fulda fragte eine Mitreisende dann ganz freundlich eine Zugbegleiterin, ob es nun Geld für das lange Warten zurückgebe? „Erst ab 60 Minuten Verspätung“, wetterte die Dame. „Ist Vorschrift!“ Offenbar gibt es keine Vorschrift, die Antworten im freundlichen Tonfall vorschreibt.

Schön. Dann noch Parkautomat für Langzeitparker am selben Bahnhof, diesmal am Abend. Er nimmt Silbergeld und Scheine. Aber die Scheine müssen wie neu sein. Glatt, eigentlich gebügelt, besser noch nie gefaltet und benutzt. Ist Automaten-Vorschrift. Bei mir spuckt der Automat sie gern wieder aus. Er spuckte sie mir auch diesmal vor die Füße und ließ mich und mein Auto nicht frei. Wir lassen die Menschen mit Hartgeld passieren. Meine Euro aus Papier nahm er nicht. Mein Auto parkte und parkte und ich drückte den Notknopf. Es kam ein netter Herr vom Notservice und versicherte mir, es gehe nicht nur mir so. Der Automat habe so seine Tücken. Warum ist es dann nicht Vorschrift einen Automaten aufzubauen, der keine Tücken hat? Wo sind eigentlich die Vorschriften, die Benutzerfreundlichkeit fordern?

Vielleicht gründe ich mal eine Bürgerinitiative für das Erfinden sinnvoller Vorschriften.

Eine möglichst vorschriftsfreie, gute Zeit wünscht Ihnen Petra Nagel

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