Als „Spielmaterial“ im Stasi-Knast

Endlich wieder frei und im Westen: Nach acht Monaten Stasi-Haft entsteigt Ernst Hubert von Michaelis einem Wagen des Bundesgrenzschutzes. Foto: Stefan Forbert/HNA

Endlich wieder frei und im Westen: Nach acht Monaten Stasi-Haft entsteigt Ernst Hubert von Michaelis einem Wagen des Bundesgrenzschutzes. Foto: Stefan Forbert/HNA

Ernst Hubert von Michaelis, Bürgermeister von Arolsen, musste vor 25 Jahren acht Monate in Stasi-Knästen verbringen: Teil eines internationalen Stasi-Geschachers um Spione und Botschaftsflüchtlinge.

Manchmal sehe ich mir aus nostalgischem wie historischem Interesse die „Tagesschau vor 25 Jahren“ auf BR-alpha oder „vor 20 Jahren“ auf EinsExtra an. Aufregende Sachen passierten damals, an vieles erinnert man sich noch. Aber was da im Dezember 1984 berichtet worden war, das haute mich um: Der Bürgermeister der nordhessischen Kleinstadt Arolsen (heute Bad Arolsen), immerhin offizieller Amtsträger der Bundesrepublik auf Dienstreise nach West Berlin, wurde mitten in der Weihnachtszeit in Marienborn von DDR-Grenzern verhaftet und der Stasi übergeben. Dabei wollte er bloß das Kantatenkonzert eines Arolser Schulchors in der Gedächtniskirche besuchen. Hektische diplomatische Aktivitäten setzten ein, in die sich der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble einschaltete.

Mit Waffen bedroht und endlos verhört
Der junge CDU-Bürgermeister von Michaelis war damals erst 35 und vor einem halben Jahr gewählt worden. Heute empfängt mich ein agiler Sechziger in den Räumen der Kasseler Firma Immologis, für die er nach 20 Jahren als Geschäftsführer hessischer Immobilienunternehmen als Berater tätig ist. „Anfangs nahm ich die Sache auf die leichte Schulter“, erzählt er. „Trotz der Unannehmlichkeiten, ich wurde mit vorgehaltenen Waffen bedroht, musste mich ausziehen, sämtliche Körperöffnungen wurden inspiziert usw. Dann in Handschellen Fahrt nach Ostberlin, Einlieferung ins Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Und dann endlose Verhöre.“ Er wusste, dass seine Frau, die mit im Wagen gesessen hatte, sofort Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde. „Es war Freitag, übers Wochenende würde nicht viel passieren, aber ich rechnete damit, Anfang nächster Woche freizukommen.“ Doch nichts geschah, über Wochen, Monate. Warten, warten, warten, immer wieder Verhöre, nichts zu lesen außer dem Neuen Deutschland, dann wieder warten, warten, warten, erst in einer Einzelzelle, dann in einer Doppelzelle „mit jemand, mit dem man wenigstens reden konnte“. Bis Ernst Hubert von Michaelis im Februar 1985 wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ zu sechs Jahren verurteilt und in die Sonderhaftanstalt Bautzen II verlegt wurde. (Am eigenen Menschenhandel, den Freikäufen durch die Bundesregierung, den es sich mit dreieinhalb Milliarden DM vergolden ließ, fand das Regime nichts auszusetzen.)

Fluchtauto blieb liegen, Baby starb im Kofferraum
Tatsächlich hatte von Michaelis sieben Jahre zuvor den Kontakt zwischen einem befreundeten Paar in Eisenach und West Berliner Fluchthelfern organisiert, „und zwar über Rechtsanwalt Eberhard Diepgen“, später Regierender  Bürgermeister, „beide großen Volksparteien in Berlin hatten damals ihre Fluchthelfer-Organisationen.“ Diese Flucht allerdings ging erbärmlich schief: Das Fluchtauto blieb auf der Transitstrecke liegen, VoPos öffneten den Kofferraum – da war das wenige Monate alte, mit Medikamenten ruhig gestellte Baby des Paars in brütender Sommerhitze bereits gestorben. „Beide wurden verurteilt, waren aber längst freigekauft worden. Ich hielt die Sache für abgeschlossen. Dass gegen mich wegen der bloßen Kontaktherstellung noch ein Haftbefehl in der DDR vorlag, wusste ich nicht.“ Normalerweise wurde in solchen Fällen nur die Durchreise verweigert, von Michaelis hatte sich natürlich vorher erkundigt. „Tatsächlich hatte die DDR-Generalstaatsanwaltschaft auch gar kein Interesse an mir. Es war Erich Mielke persönlich“, der Stasi-Minister, „der die Entscheidung traf.“

Apfelsinen statt Heizung
Und zwar aus Gründen, die mit dem Fall gar nichts zu tun hatten. Bereits damals fanden die ersten Besetzungen westlicher Botschaften in Ostblock-Ländern durch DDR-Bürger statt, die raus wollten; natürlich noch in viel kleinerem Umfang als 1989. Der Prozess signalisierte nach innen wie nach außen, dass Flucht und Fluchthilfe nach wie vor gefährlich waren. Gleichzeitig fand ein internationales Geschacher um Austäusche von Spionen statt, in dessen Mittelpunkt der legendäre Ostberliner Anwalt Wolfgang Vogel stand, nun auch von Michaelis´ Anwalt. Der Arolser Bürgermeister war, im Geheimdienst-Jargon, „Spielmaterial“. Und saß derweil mit vielen dieser „Westspione“ in Bautzen. „Selbst da drin war der Zerfall des Systems zu spüren“, erzählt er: Im Winter konnte Bautzen nicht mehr beheizt werden. Die Häftlinge mussten nicht die üblichen Arbeiten verrichten, sondern durften den ganzen Tag im Bett bleiben, wo sie zumindest nicht erfroren. „Mir ging es noch relativ gut, ich wurde ja von unserer Ständigen Vertretung betreut, bekam jetzt Lesestoff, Apfelsinen und so.“ Ein Zellengenosse sagte ihm zum Abschied, er hätte im Leben nie so viele Apfelsinen gegessen. Am 11. Juni 1985 wurden 25 Westspione, darunter einige seiner Mitinsassen, „meistens eher kleine Fische, aber auch ein paar ziemlich abgebrühte Abenteurertypen“, auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin gegen vier hochkarätige Ostspione ausgetauscht, der größte Austausch dieser Art, dem die „Tagesschau vor 25 Jahren“ fast die ganze Sendung widmete. Der Stasi lag besonders ein gewisser Prof. Alfred Zehe am Herzen, der in Boston dem FBI ins Netz gegangen war. „Und Anwalt Vogel wurde signalisiert, wenn die Bundesregierung bei Prof. Zehe helfen könnte…“

Weder Fluchthelfer, noch freigekauft
Am 14. August 1985, nach auf den Tag acht Monaten Stasi-Haft, wurde Ernst Hubert von Michaelis bei Herleshausen dem Bundesgrenzschutz übergeben und war wieder frei. „Heute kann ich darüber gelassen berichten, aber damals…“ Das Schlimmste war die Trennung von seiner Familie, seine Kinder waren gerade ein und zwei Jahre alt. Und die Ungewissheit, mindestens bis zu jenem 11. Juni. Dabei war er selbst gar kein Fluchthelfer, „und ich wurde auch nicht freigekauft, da ist kein Geld geflossen“, auf diese Feststellungen legt Ernst Hubert von Michaelis wert. Der Deal war ein anderer.

Auch danach behielt die Stasi den Arolser Bürgermeister im Visier. Als von Michaelis Jahre später in der Gauck-Behörde seine Stasi-Akten durchforstete, stieß er auf einen (an sich harmlosen) Bericht über sich, der offenkundig von einem Polizeibeamten stammte: Die Stasi bezahlte nicht nur den Ohnesorg-Schützen Kurras bei der West Berliner Polizei, sondern auch einen Polizisten im Kreis Waldeck-Frankenberg. Der ist bis heute nicht enttarnt.

Bericht im Spiegel 1/1985

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