Als Vati ins Amt getragen wurde

Die Liebe von Zisselvadder Willy Schmidt gehörte der Stadt und dem Theater

Obwohl sein Herz für den Zissel schlug, war Willy Schmidts Einschätzung über das Kasseler Wasserfest klar: „Heute fehlt dabei die Seele.“ Ein denkwürdiger Satz, denn Schmidt, selbst legendärer Zisselvadder, sagte dies am 9. Oktober 1959. Seinem siebzigsten Geburtstag. Da war Willy Schmidt bereits seit mehr als fünfundzwanzig Jahren symbolisches Oberhaupt des Zissels: der Zisselvadder. Sein eigenes Herz hörte am 15. Oktober 1962 auf zu schlagen, sechs Tage nach seinem dreiundsiebzigsten Geburtstag.

Schauspieler, Beamter, Intendant

Mit einem oder auch mehreren kühlen Schoppen feierte Willy  Schmidt mit Freunden und dem damaligen Oberbürgermeister  Lauritz Lauritzen (hinten rechts) um 1957 den Zissel. Seinen Zissel. Foto: links: Stadtarchiv Kassel, E 1 0 Zissel bis 60er Jahre Nr. 1, Unbekannt

Mit einem oder auch mehreren kühlen Schoppen feierte Willy Schmidt mit Freunden und dem damaligen Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen (hinten rechts) um 1957 den Zissel. Seinen Zissel. Foto: links: Stadtarchiv Kassel, E 1 0 Zissel bis 60er Jahre Nr. 1, Unbekannt

Theaterschauspieler. Das wollte der Junge aus dem Steinweg einmal werden. Seinen Vater hatte Willy früh verloren, und so beschlossen Mutter und Sohn, die mittlerweile nach Wehlheiden gezogen waren, dass der hochaufgeschossene 14-jährige Junge ins Rathaus gehen und städtischer Beamter werden sollte. Dies tat er und verlor sein eigentliches Ziel dennoch nicht aus den Augen. Der Schriftstellerei, der Malerei, dem Kunstgewerbe und der Schauspielerei gehörten seine Liebe, Neigungen, zu denen er auch entsprechendes Talent besaß. Schmidt sammelte Erfahrungen als Statist im Residenztheater, der damaligen Operettenbühne, und traf sich an seinen freien Abenden mit anderen jungen Leuten, um gemeinsam über Bücher zu sprechen. Diese Gruppe gründete die „Freie literarische Vereinigung von 1911“, die als Theaterabteilung dem Arbeiterfortbildungsverein angeschlossen wurde und unter dem Protektorat von Kassels Vorzeigeunternehmerin Sophie Henschel stand. Dieser Theatersparte verpasste eine Kasseler Zeitung nach der Zwangspause durch den Ersten Weltkrieg schließlich den Namen Wehlheider Hoftheater, und unter diesem Namen wurde es auch berühmt. Auch den Zweiten Weltkrieg überstand das Theater, und aus dem einstigen Schauspielschüler Willy Schmidt wurde der Intendant.

Entführung und Ehrung

Ein Heringsessen im Jahr 1925 ist der Grund, dass der Zissel entstand. Während die Herkunft des Namens nicht eindeutig geklärt ist, weiß man, dass Schmidt, damals Bürovorsteher im Verkehrsamt, mit Freunden ein Jahr darauf den Zissel veranstaltete. Während eines der damals üblichen Sulperknochenessen während des Zissels wurde er von weinseligen Freunden entführt und auf den Händen durch die Gassen der Altstadt getragen. Die Truppe landete im Hinterzimmer des Gasthauses Karmeliterkloster, gab Schmidt den neu kreierten Namen Zisselvadder und feierte ihn kräftig. Als der Geehrte an seinem Tisch wach wurde, war längst heller Tag und die Putzfrau weckte ihn mit den Worten „Willy, es iss aber Zitt, mäh müssen jetz reinemachen.“

Ein rührender Abschied

Willy Schmidt, der Zisselvadder. Foto: Stadtarchiv Kassel, E 2, Nr. 459, Langhammer

Willy Schmidt, der Zisselvadder. Foto: Stadtarchiv Kassel, E 2, Nr. 459, Langhammer

Zu seinem 70. Geburtstag – die Zisselgilde hatte ihm längst den Ehrentitel „Bürgermeister“ verliehen – kam viel Prominenz zum Gratulieren in Schmidts kleines Häuschen in Kirchditmold, aber der Jubilar dachte über seinen Rückzug aus dem Zissel nach. Er hatte das große Kasseler Fest begleitet, bis es die Nationalsozialisten übernahmen, und er hatte es 1949 neu belebt und damit einer ganzen Stadt in einer tristen Zeit Farbe und Freude beschert. Die damalige Tageszeitung Kasseler Post überlegte, was ohne ihn aus dem Zissel wohl werden würde, und als er fast genau drei Jahre später starb, da waren in der selben Zeitung rührende Abschiedsworte zu lesen. „Und hier stockt uns die Feder. Denn der Gedanke ist schwer, bei keinem Stadtgang mehr diesen nicht nur körperlich großen, stets frohgestimmten, liebenswerten Mann zu treffen, dem das allzeit fröhliche Herz auch im Alter noch aus den lustigen Augen leuchtete. In einem Herbst, der so schön war wie lange keiner zuvor, müssen wir von ihm Abschied nehmen. Willy Schmidt scheidet von uns als ein Bürger, der seine Stadt reich beschenkt hat.“

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