Farce und Eloquenz – Ein Nachruf zum Tode von Klaus Becker

Klaus Becker. Foto: Mario Zgoll

Klaus Becker. Foto: Mario Zgoll

„Woher wissen Sie das denn, das ist ja ungeheuerlich! Sie haben mich wohl ausspionieren lassen, Sie …!“ Wutentbrannt und völlig außer sich war der damalige Theater-Intendant jäh aufgesprungen, als Klaus Becker den sich gerade auf „Vorstellungsreise“ durch Kassel befindlichen Mimenchef befragen wollte, nach den Hintergründen eines tragischen Familienereignisses in dessen Kindheit. „Ich verstehe überhaupt nicht, was sie meinen – das steht doch in Ihrem eigenen Buch“, entgegnete der nicht nur bei offiziellen Gesprächsterminen stets umfassend vorbereitete Journalist, leicht irritiert. Der gerade noch hochgradig echauffierte Intendant erstarrte daraufhin, fiel geradezu in sich zusammen. „Tatsächlich? Mein Gott, das wusste ich gar nicht mehr. Hoffentlich hat das niemand sonst gelesen …“ – eine durchaus bizarr anmutende Szene, die Klaus Becker noch oft rekapitulierte, wann immer das Gespräch in den folgenden Jahren auf die jeweils neuesten Kapriolen des vor allem die Selbstinszenierung mit Verve pflegenden Intendanten kam. Zwar hatte dieser vermutlich völlig recht damit, dass wohl kaum jemand sonst sein Buch je gelesen hatte – Becker indes schon, dafür selbst literarische Minimal-Maßstäbe beherzt außer Acht lassend, immer und unbedingt im gelegentlich unvermeidlich Opfer erfordernden Auftrag der Aufklärung. Denn sein Gegenüber bei einem Gesprächstermin schon weitgehend einschätzen zu können – auf einer bereits soliden Wissensbasis, um möglichst neue, aktuelle Informationen und Erkenntnisse herauszukitzeln – war für ihn absolut essentiell, „keine Frage!“

Hinter den Kulissen der Macht
Das seit Universitätstagen privat fortgeführte Geschichtsstudium wie auch seine langjährigen Betätigungen als Pressesprecher der Stadt Kassel und als Chefredakteur des SPD-Blattes Nordhessische Zeitung/Neue Hessische Zeitung bildeten die Grundlage seines bis in die feinsten Verästelungen der lokalen gesellschaftlichen und politischen Strukturen reichenden Wissens – insbesondere Insiderwissens – das vor allem die sogenannten „Stützen der Gesellschaft“ oft genug in ein sehr unvorteilhaftes Licht rückte. Ob nun ein leitender Mitarbeiter des Kasseler Rathauses bei einem offiziellen Japanbesuch lebenslängliches Hausverbot erhielt, weil er die Ehefrau seines Gastgebers begrabscht hatte, oder sich ein christdemokratischer Spitzenpolitiker ganz unverfroren täglich im Dienstwagen zu seiner Mätresse kutschieren ließ: Klaus Becker blieb wenig verborgen, denn, wo auch immer gerade unterwegs, er suchte permanent das öffentlich geführte wie auch das vertrauliche Gespräch. Ob für Stunden am Telefon, während diskreter Geschäftsessen, am Rande von Veranstaltungen oder beim gemeinsamen Spaziergang: Insbesondere sein Wissen um die Verhältnisse hinter den „Kulissen der Macht“ erweiterte sich dabei stets und er hielt es, seine Quellen eisern schützend, akribisch fest, um damit nötigenfalls im geeigneten Moment publizistisch einzugreifen – politische Erdbeben, der gerechten Sache halber, dabei keinesfalls ausschließend.

Bücher, Bücher, Bücher
Bei seinen Unterhaltungen konnte er – für Außenstehende oft irritierend und gelegentlich auch als bewusste Farce gedacht – virtuos die Klaviatur von restringiertem wie elaboriertem Sprachcode bespielen, je nach Gegenüber und Erfordernis der Situation. Der gleiche Klaus Becker, der in intellektuell weniger reizvollen Gefilden seinen Sprachschatz vorzugsweise auf das Nötigste reduzierte (und aus taktischen Gründen auch gut damit leben konnte, so massenwirksam publiziert zu werden), drehte im nächsten Moment – vorausgesetzt, es fand sich dafür ein würdiger Gesprächspartner – rhetorische Pirouetten in Reinkultur, dabei im Zweifelsfall so eloquent wie kompakt das gesamte Wissen des Abendlandes in der Hinterhand balancierend. In solchen Situationen war er, der täglich gleich mehrere Tageszeitungen, Magazine und natürlich Bücher, Bücher, Bücher verschlang – für die er sich eigens eine zweite Wohnung zugelegt hatte – ganz in seinem eigentlichen Element, das ihn über die Jahre zum Stammkunden der renommiertesten Antiquariate in ganz Deutschland machte, sein Herz vor allem dann höher schlagen ließ, wenn er wieder eine seltene Erstausgabe entdeckt hatte. Das oft an ihn herangetragene Ansinnen, selbst als Buchautor in Erscheinung zu treten, erfüllte er – mit Verweis auf die Zeit, die ihm dann zum Lesen fehlen würde – hingegen nur ein einziges Mal: mit einer 1981 erschienenen Monographie über den einst in Kassel ansässigen, weltberühmten Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau. Mit „Der letzte Mann“ schuf dieser 1924 eine Parabel auf die Wechselhaftigkeit des Lebens, bei der sein Protagonist zum Schluss, nach vielen Widrigkeiten, erneut sein Schicksal meistert – eine Wendung, die Klaus Becker, gesundheitlich bereits schwer angeschlagen, indes nicht mehr vergönnt war: Erst 66-jährig, schlief er am 21. November um 3.15 Uhr friedlich ein, seine letzten Worte, vermutlich: „Mehr Licht!“

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