Keine Rampensau. Eher Stratege.

Der Fotograf Andreas Weber, seine Bindung zu Kassel und sein emotionaler Beitrag zum Buch „Kassel anders“

Grenzen. Darum geht es bei Andreas Weber häufig. Die natürlichen Grenzen der Kamera erweitert der 38-Jährige per Computerprogramm, die Grenzen des konventionellen Fotos durch seine 360-Grad-Fotografie. Foto: Mario Zgoll

Grenzen. Darum geht es bei Andreas Weber häufig. Die natürlichen Grenzen der Kamera erweitert der 38-Jährige per Computerprogramm, die Grenzen des konventionellen Fotos durch seine 360-Grad-Fotografie. Foto: Mario Zgoll

Fotografie: eine bildgebende Methode, bei der mit Hilfe von optischen Verfahren ein Lichtbild auf ein lichtempfindliches Medium projiziert und dort direkt und dauerhaft gespeichert oder in elektronische Daten gewandelt und gespeichert wird.“ So sagt es das Internet-Lexikon Wikipedia. Klingt eher nach technischem Verfahren als nach Kreativität, nach Emotion und Inspiration. So gesehen, kommt der Beruf des Fotografen Andreas Weber genau recht. „Irgendwie bin ich ein technischer Mensch“, sagt er über sich. Die Prägung macht’s. Sein Vater war Bauingenieur, hat maßgeblich an der heutigen Frankfurter Skyline mitgearbeitet. Dass aus Andreas Weber nicht auch ein Bauingenieur geworden ist – Zufall. Wie so oft im Leben.

In Trier ist er geboren, im gleichen Jahr, als Gerd Müller die deutsche Fußballnationalmannschaft zum Weltmeistertitel gegen die Niederlande schoss. Schon mit drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Kassel. Dort lebt er heute. Gern sogar. „Ich konnte nie verstehen, warum immer alle Freunde der Meinung waren, man müsse nach dem Studium unbedingt aus Kassel weg.“ Es waren familiäre Gründe, die ihn hier hielten, und diesen Nicht-Schritt in eine andere Region hat Weber bis heute nicht bereut.

Heute liest er nicht mehr unter der Bettdecke
Andreas Weber lebt spät. Zumindest, was seine Tagesabläufe angeht. „Schon als Kind habe ich lange gelesen, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, manchmal bis um sechs Uhr morgens, und meine Mutter hat’s nie gemerkt.“ Heute liest er nicht mehr unter der Bettdecke. Stattdessen sitzt er vor dem Computer, bearbeitet Fotos. Dann hat er die Zeit, all jene Dinge per elektronischer Bildbearbeitung zu korrigieren, die selbst ein Profi wie er beim Fotografieren nicht bemerkt hat oder nicht vermeiden konnte. Bildbearbeitung. Ist das schon Betrug im Kleinen, Verzerrung der Realität? Mitnichten. Für Weber sind Photoshop und all die anderen Programme lediglich Korrektorate. „Das menschliche Auge kann alles viel besser wahrnehmen als eine Kamera“, sagt der 38-Jährige. Mit Betrug und Suggestion will er auch nichts zu tun haben. „Ich möchte den Betrachter meiner Fotos nicht beeinflussen, sondern ihm immer lieber eine gewisse Objektivität überlassen. Der Computer ist für mich dazu da, die technischen Unzulänglichkeiten der Kamera auszugleichen.“ Technische Grenzen der Bildbearbeitung lässt sich Andreas Weber nur von den Programmen setzen. Moralische definiert er selbst. „Für mich gilt die Faustregel: Nichts und niemand wird diffamiert, bloßgestellt oder auch in ein schlechtes Licht gerückt.“

Sein Abitur hat er in Kassel gebaut. 1993, an der Jacob-Grimm-Schule. Danach folgte das scheinbar genetisch vorgegebene Bauingenieur-Studium. Doch im Kampf zweier Neigungen setzte sich die Kreativität gegen die Technik durch. Er widmete sich mehr und mehr seinem Hobby, der Fotografie, baute seine Kenntnisse autodidaktisch permanent aus. Nix war’s mit Bauingenieur. Stattdessen sanfte Orientierungslosigkeit. „Mit einem Freund, der auch nicht so genau wusste, was er beruflich wollte, haben wir dann Foto-CDs hergestellt und vertrieben.“ An Privatleute. Nach und nach kamen Aufträge, auch aus der Industrie.

Kassel-Fotos in 360 Grad
Heute arbeitet Andreas Weber für Architekten, Vereine und Agenturen. Eine seiner neuesten Ideen hat er auch für das im September erscheinende Buch „Kassel anders“ umgesetzt. Seine Variation von 360-Grad-Fotografie. Seit fünf Jahren hat er die Idee dazu im Kopf, verbessert das Prinzip ständig. Eigentlich sei es aus der Not geboren, sagt er, weil normale oder Weitwinkelfotos oft nicht mehr ausreichten, um das darzustellen, was Andreas Weber gern auf dem Kamerachip festgehalten hätte. In „Kassel anders“ kann man anhand eines QR-Codes 360-Grad-Fotos von Schlosshotel oder Markthalle, von Kongress Palais, dem Hotel im Elwe-Knast oder dem Museum für Sepulkralkultur abrufen. Eine optimale, emotionale Ergänzung für ein Buch, dessen Grenzen allein durch die Papierränder vorgegeben sind.

Also, was ist Andreas Weber jetzt? Techniker? Oder einer der viel beschworenen Kreativen? Beides wohl, zu gleichen Teilen. „Ich bin ein sehr kreativer Mensch. Die Fotografie selbst ist sehr kreativ, man kann aber auch sehr technisch an sie herangehen.“ Seine vielen Kontakte mit Menschen haben ihn nicht umgebogen. „Ich bin kein Selbstdarsteller und auch keine selbstverliebte Rampensau.“ Er überlegt kurz, hat den Begriff gefunden, wonach er gesucht hat: „Ich bin wohl eher der Stratege, der sich ständig etwas Neues einfallen lässt und an der Umsetzung hart arbeitet.“

www.weber-fotografie-kassel.de

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.