Kindskopf mit vier bis fünf Bärten

Karikaturist Stephan Rürup in der Caricatura Kassel. Foto: nh

Karikaturist Stephan Rürup in der Caricatura Kassel. Foto: nh

Wer hat Angst vor gesellschaftspolitischen Reizthemen? Stephan Rürup jedenfalls nicht. Intelligent, präzise und voll schwarzem Humor nimmt sich der Cartoonist und Comiczeichner brisanter Sachverhalte an. In einer seiner Zeichnungen etwa haben sich die Kinder alle perfekt im Klassenzimmer positioniert, die Kleinen nach vorne, die Großen nach hinten. Es ist Zeit für das alljährliche Klassenfoto. Nur ein kleiner Junge steht noch draußen vor der Tür: „Ich möchte aber auch aufs Klassenfoto“, sagt er zu seiner Lehrerin. Die schaut panisch drein und versucht, ihn von der Kamera fern zu halten: „Tut mir leid Mohammed. Wir wollen keinen Ärger.“ Rürup beweist Mut zur Provokation. Egal ob Holocaust, Krieg in Afghanistan oder Kinderarmut – er versteht es, immanente Absurditäten auf den Punkt zu bringen.

Roh und pointiert
„Meine Cartoons haben nicht nur scheußliche Inhalte, sie sehen auch schlimm aus!“, sagt Rürup selbst über sein Schaffen. Ohne Frage ein Understatement des begeisterten Bartträgers – eine Leidenschaft, die soweit geht, dass ihm ein Bart allein nicht genug ist, sondern gleich vier oder fünf sein Gesicht zieren. Sein Strich wirkt zwar roh, beinah flüchtig, doch niemals unausgegoren. Die Beschränkung auf wenige, übertriebene Merkmale der Physiognomie, die seine Figuren mal außerordentlich großmäulig oder hakennasig, mal ausladend fettbäuchig erscheinen lassen, leistet der Pointierung außerordentliche Dienste.

Menschenfreund
„Seine Figuren bleiben, bei aller Übertreibung und physiognomischen Verzerrung, wenigstens in Ansätzen immer liebenswert und nahe, egal wie brutal oder deformiert sie sich gebärden“, hält Freund und Kollege Mark-Stefan Tietze dem Understatement des sympathischen Münsteraners entgegen.

Außerdem sei Rürup eigentlich nicht nur ein „rechter Kindkopf“, der auch privat das Witze machen nicht lassen könne, sondern auch – man höre und staune – ein „Menschenfreund“. Und Tietze muss es wissen, schließlich arbeiten beide bereits seit vielen Jahren in der Redaktion des Satiremagazins Titanic zusammen. Die Comicparodien „Münt-El Fering“, „Angela the Strangela“ und „Bussibeck“ etwa sind gemeinsame Produktionen.

Sommerakademie
Rürup scheut sich nicht, die Geheimnisse der Komischen Zeichnung an den Satirenachwuchs weiterzugeben. Von 1997 bis 2000 hatte er einen Lehrauftrag für Zeichnen und Illustration an der Fachhochschule Münster. In den Jahren 2008 und 2009 war er Gastdozent bei der Sommerakademie für Komische Kunst in der CARICATURA Galerie in Kassel. Auch in diesem Jahr bleibt er der Sommerakademie verbunden. An der Volkshochschule Kassel bietet er einen Einführungskurs zur Komischen Zeichnung an, der der Vorbereitung potentieller Sommerakademisten dienen soll.

Skandaltitel
2010 sorgte Rürup zusammen mit dem diesjährigen Sommerakademie-Leiter Rudi Hurzlmeier für einen handfesten Skandal. Der Titel der Aprilausgabe der Titanic zeigte einen vor dem gekreuzigten Jesus knienden Priester. Einige Medienvertreter wollten in diesem Bild, das von Rudi Hurzlmeier nach einer Idee von Stephan Rürup gemalt worden war, die Praktizierung von Oralverkehr an der Jesusfigur sehen. Nicht weniger als 175 Beschwerden beim Presserat zog dieser Titel nach sich. Darüber hinaus wurden 18 Klagen bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft eingereicht. Diese lehnte die Einleitung eines Strafverfahrens gegen das Satiremagazin jedoch ab. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft betonte in ihrer Erklärung, dass Satire von Verzerrung und Übertreibung lebe. Ferner richte sich der Titel nicht gegen eine religiöse Gruppe, sondern gegen die Kirche als Institution. Weiter erklärte sie: „Der öffentliche Frieden wird durch die Zeichnung nicht gestört, da dieser durch den Missbrauchsskandal bereits gestört worden ist.“

Lebt in Münster
Stephan Rürup wurde 1965 in Bad Oeynhausen geboren und studierte visuelle Kommunikation in Münster. Seit 2000 ist er Redakteur beim endgültigen Satiremagazin Titanic. Seine Zeichnungen erscheinen außerdem in der Welt am Sonntag, der Mitgliederzeitschrift der IG Metall sowie in diversen Tageszeitungen. 2008 erhielt er den „Bernd-Pfarr-Sonderpreis für Komische Kunst“ auf der Frankfurter Buchmesse. Rürup lebt in Münster und Frankfurt am Main.

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.