Mit Charme, Säbel und Degen

 Deutsche Meisterin im Rollstuhlfechten trainiert im Fechtclub Kassel (FCK) 

Katja Lüke sprüht vor Lebensfreude. Es ist fast unmöglich, keine gute Laune zu bekommen, wenn man mit ihr spricht. Die 44-jährige Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin ist eine begeisterte Sportlerin und hochdotiert: Die Rollstuhlfechterin holte sich zum zweiten Mal den Deutschen Meistertitel im Säbelfechten. Mit der Sportplakette des Landes Hessen wurde sie bereits im vergangenen Jahr ausgezeichnet. Seit vielen Jahren ist die Rollstuhlfechterin im Fechtclub Kassel (FCK) aktiv, der sein Domizil am Königstor hat.

Katja Lüke liebt die Herausforderung. Sie ist sportlich im Kasseler Fechtclub zu Hause. Foto: Mario Zgoll

Katja Lüke liebt die Herausforderung. Sie ist sportlich im Kasseler Fechtclub zu Hause. Foto: Mario Zgoll

Meistertitel und Sportplakette
Reaktionsschnelligkeit ist in diesem Sport gefragt, aber auch Geduld und der Mut zum Angriff: „Man muss Spaß am Angreifen haben und darf sich nicht einschüchtern lassen“, sagt Katja Lüke. Auch dem eigenen Durchsetzungsvermögen schade das Fechten ganz und gar nicht. Sich Auspowern und am sportlichen Erfolg messen, das ist ihre Sache. In der Fechtsprache sind die Fechter, die nicht im Rollstuhl sitzen übrigens die „Fußfechter“. Mit ihnen trainiert Katja Lüke regelmäßig im Kasseler Fechtclub. Ein Gefecht dauert drei Minuten, dreimal drei Minuten effektive Fechtzeit heißt es in den Finalrunden – die Rollstühle werden dabei nicht bewegt. Geschicklichkeit und Kraft aus Oberkörper und Armen rekrutiert.

Ein ganz besonderer Ratgeber
Geschützt mit Maske, Fechtjacke und Fechthose und einem Brustschutz aus Plastik, geht es in die Duelle. „Das hat durchaus eine Wechselwirkung zum Alltag, wenn ich trainiere. Wenn das abendliche Training gut war, beginnt der neue Tag frohlockender“, so die Nordhessin. Die beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Frankfurt für das Thema Inklusion zuständig ist. Ein spannendes Thema, zu dem Katja Lüke auch schon einen Ratgeber geschrieben hat. Es ist ein „Knigge“ für den Umgang mit behinderten Menschen, der genaue Titel lautet: „10 Knigge-Tipps für den respektvollen Umgang mit behinderten Menschen.“ Denn da gibt es nach wie vor viele Unsicherheiten auf allen Seiten. Und im „Barriere-Checker-Leitfaden für barrierefreie Veranstaltungen“ ist nachzulesen, wie Veranstaltungen barrierefrei organisiert werden können. Beide Ratgeber können über den Paritätischen Wohlfahrtsverband Landesverband Hessen mit Sitz in Frankfurt bezogen werden.

Durchsetzungsvermögen und Reaktionsschnelligkeit sind im Fechtsport gefragt. Foto: Mario Zgoll

Durchsetzungsvermögen und Reaktionsschnelligkeit sind im Fechtsport gefragt. Foto: Mario Zgoll

Die Wahrnehmung schärfen
Viele Maßnahmen kosten gar nichts, haben einfach nur mit dem Wissen umeinander und ein wenig Nachdenken zu tun: „Plakate müssen nicht Gelb auf Pink sein – auch wenn es vielleicht stylisch ist, Sehbehinderte können dann keine Kontraste mehr wahrnehmen“, nennt Katja Lüke ein Beispiel. Es reiche oft, sich einfach mal in die Lage des anderen zu versetzen, die Perspektive zu wechseln. Schwierig findet sie zum Beispiel auch Drehkreuze beim Einkaufen. Was sollen Rollstuhlfahrer da in Supermärkten machen, wenn so ein Drehkreuz nicht zu öffnen ist? „Dann gibt es immer Aufsehen, ich muss drunter durch oder Ähnliches – das ist entwürdigend, ich fühle mich dann unwillkommen“, sagt die Fachfrau. Völlig logisch.

Auf Kleinigkeiten achten
Und ich frage mich, warum solche Kleinigkeiten nicht sofort und bei jedem Bau bedacht werden. Auch das Nachrüsten ist oft nur ein kleines Problem: In dem Cafe, in dem wir sitzen, fehlt eine Rampe für Rollstuhlfahrer. Katja Lüke gibt dem aufgeschlossenen Chef gleich Tipps wie es geht, wo es vielleicht sogar Fördermittel für einen Umbau gibt. Kommunikation ist in jedem Fall die halbe Miete. Ein Grundfehler bei der Kommunikation sei es zum Beispiel über den Kopf eines Menschen mit Behinderung hinweg zu sprechen, ihn damit zu entmündigen sagt Katja Lüke. Vielleicht noch mit einem Begleiter oder einer Begleiterin. Eine gruselige Vorstellung, und doch passiert so etwas immer wieder.

Lob für Kassel
Ganz schlimm sei es auch, wenn Hilfe einfach aufgezwängt wird. Das heißt: „Nicht einfach den Rollstuhl schieben oder vermeintlich helfen, ohne zu fragen.“ Wenn ich Hilfe brauche, frage ich“, sagt die Sozialpädagogin. Und sie sagt auch, dass sie sehr gern in Kassel lebt: „Hier fühle ich mich sehr wenig als behinderte Frau, vieles ist behindertengerecht umgesetzt. Natürlich gibt es trotzdem auch in Kassel vieles zu verbessern. Die Geschäfte in der Treppenstraße scheiden für Rollstuhlfahrer beispielsweise aus.“ An dem Schritt zur echten Barrierefreiheit für Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen muss natürlich auch in Kassel noch kräftig gearbeitet werden.

Sozialarbeiterin ist Katja Lüke übrigens geworden, weil ihr eine Sozialarbeiterin, die sie in der Reha kennengelernt hat, sehr imponiert hat. Logopädin wäre sie auch sehr gern geworden. Das scheiterte aber daran, dass sie gar nicht singen könne, sagt die erfolgreiche Sportlerin lachend.

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