Rein Wolfs – Auf der Suche nach der Condition humaine

Leiter der Kasseler Kunsthalle Fridericianum Rein Wolfs. Foto: Mario Zgoll

Leiter der Kasseler Kunsthalle Fridericianum Rein Wolfs. Foto: Mario Zgoll

Auf eine überaus erfolgreiche erste Spielzeit kann der gebürtige Niederländer Rein Wolfs als künstlerischer Leiter der Kunsthalle Fridericianum zurückblicken. Gut 36000 Besucherinnen und Besucher haben von September 2008 bis Sommer 2009 den Weg ins Fridericianum gefunden. Vermittlung, Kommunikation und die Öffnung zur Stadt sind für die Philosophie des Kurators ebenso wichtig wie Haltung und Mut. Nach dem Motto LESS OIL MORE COURAGE soll das Fridericianum ein Ort des Austausches sein, wo Energien erzeugt werden.

Jérôme: Herr Wolfs, auf der informativen Homepage des Fridericianums findet man eine Kolumne von Ihnen, in der es heißt: „Ambitiös und engagiert will die Kunst sein, die wir präsentieren. Menschlich, human soll sie sein, mit hier und da einem Funken Erhabenheit, ein Plädoyer für die noch zu formulierenden Voraussetzungen einer Menschlichkeit des 21. Jahrhunderts.“ Wie definieren Sie Menschlichkeit?

Rein Wolfs: Ich bevorzuge mittlerweile einen anderen Begriff: Condition humaine. Ich finde es interessant über Kunst herauszufinden, wie sich der Mensch zur Welt, zur Realität und zur Gesellschaft verhalten kann. Ich bin nicht so sehr an Kunst interessiert, die nur kunstimmanente Fragen stellt.

Jérôme: Es gibt ja die philosophische Idee, dass man mit Kunst die Realität sogar besser versteht als mit einem puren Blick auf die Fakten…

Wolfs: Ja, ich glaube fest daran, dass ein Medium einem hilft, die Wirklichkeit genauer wahrzunehmen. Man kann gezielt schauen, wenn man ein Medium hat, wodurch man schaut. Aber ich glaube nicht unbedingt an Kunst als Heilmittel, als Therapeutikum.

Jérôme: Andere Sätze in Ihrer Kolumne lauten: „Gute Kunst hat nicht selten provokative und revolutionäre Qualitäten. Und gute Kunst ist auch mal
unangepasst.“ Was heißt das konkret?

Wolfs: Wir zeigen hier öfters Ausstellungen, bei denen man zuerst mal meint, man habe es mit anderen Dingen zu tun als mit den bei einem Museumsbesuch erwarteten. Das Provokative bezieht sich auf die formale Wirkung: Kunst, die auf den ersten Blick nicht direkt wie Kunst aussieht. Aber ich habe auch schon Ausstellungen gemacht, die außerdem von ihren Inhalten provokativ waren. Christoph Büchel etwa, von dem vor einem Jahr die „Deutsche Grammatik“ zu sehen war, spielt immer mit provokativen Strategien und versucht, die Presse strategisch einzubeziehen. Damals ging in den Medien eine Diskussion los über die Frage: Wenn die politische Lage in ihrer Gesamtheit dargestellt werden soll, ist es dann erlaubt, auch die NPD einzuladen oder nicht?

Jérôme: Provokation als Prinzip?

Wolfs: Nein, keineswegs. Man muss aufpassen, dass man nicht nur Provokationen hintereinander programmiert. Dann wirken sie nicht mehr und man wird als Museumsleiter gesehen, der nur versucht, über Provokationen Aufsehen zu erregen. Das soll nicht sein, es soll auch ruhigere Ausstellungen geben.

Jérôme: Sie sprechen sich für eine ambitionierte und engagierte Kunst aus. Ist das ein linker Standpunkt?

Wolfs: Ich stelle mich keinesfalls auf die rechte Seite, aber es muss auch nicht notwendigerweise eine klar linke Position sein.

Jérôme: Gibt es eigentlich rechte Künstler?

Wolfs: Weniger, aber es gibt sie schon. Und es gibt Künstler, die mit dem Rechten kokettieren. Es handelt sich dann um eine Stilisierung, um ein Spiel mit Ernst und Unernst.

Jérôme: Rammstein wäre ein Beispiel aus dem Musikbereich?

Wolfs: Genau. Bei Rammstein habe ich zuerst mal immer ein ungemütliches Gefühl.

Jérôme: Apropos Musik. Bis zum 14. Februar gibt es im Fridericianum eine Ausstellung
mit Arbeiten des Mexikaners Carlos Amorales, der auch durch das alternative Plattenlabel „Nuevos Ricos“ bekannt ist. Was ist das für ein Label?
Wolfs: Das Label probt den künstlerischen Umgang mit dem Markt und spielt etwa mit dem Franchising. Im Ausstellungsraum wird einem Franchise-Shop im Corporate Design von Nuevos Ricos ein „Pirate-Franchise-Shop“ gegenübergestellt. Piraterie wird als kreative Möglichkeit gesehen, um mit dem ursprünglichen Corporate Design auf eine rebellische Art umzugehen.

Jérôme: Wird es auch Nuevos-Ricos-Konzerte geben?

Wolfs: Ja, einen großen Flügel im Fridericianum werden wir zu einem Konzertraum umgestalten. Es wird eine große Arbeit: Auf dem Boden wird mit abstrakten Formen eine Konzerthalle angedeutet, die am 15. Januar und 12. Februar von Musikern bespielt wird. Ein anderer Künstler, der bis zum 14. Februar im Fridericianum ausstellt, ist der gebürtige Iraner Navid Nuur. Amorales ist extravertierter, während Nuur ruhiger an seiner Welt baut. Nuur hat zwar immer einen performativen Ansatz, braucht dazu aber keinen lauten Worte. Die zuvor angesprochene Fridericianumumfasst für mich eben auch unterschiedliche Temperamente.

Jérôme: Was wird die nähere Zukunft außerdem bringen?

Wolfs: Mir ist es wichtig mit Künstlern zu arbeiten, die im Stande sind, aus diesem Haus etwas zu machen, was ein Gesamtkunstwerk sein könnte. Ab dem 13. März gibt es eine große Ausstellung mit dem Berliner Künstler Thomas Zipp, der das ganze Haus bespielen und in eine psychiatrische Anstalt verwandeln wird. Es wird in „Mens sana in corpore sano“ um Themen wie abendländische Werte, westliche Moralvorstellungen, Geist und Krankheit gehen. Zuvor, am 11. Dezember, startet das Projekt „Pre-, Pre-, Pre-, Pre-, Preview“ mit dem Performance-Künstler San Keller. Bereits die Planungsphase der Ausstellung ist dabei öffentlich. Mir ist es wichtig, dass die eigene Arbeit kritisch verfolgt wird. Wenn ein Künstler einen Kurator dazu bringt, neu nachzudenken, wie das Format Ausstellung aussehen könnte, können sich spannende Konsequenzen für die Zukunft ergeben.
Die Einzelausstellungen von Carlos Amorales und Navid Nuur sind bis zum 14. Februar 2010 in der Kunsthalle Fridericianum zu sehen.

Öffnungszeiten Mi – So 11 bis 18 Uhr.
Mehr Informationen zu den Ausstellungen und Veranstaltungen: www.fridericianum-kassel.de

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