Starschnitte der anderen Art

Die Passion des Berliner Malers Guido Sieber ist die Musik. Er hat eine Plattensammlung zusammengetragen, die ihresgleichen sucht und auch in seinem künstlerischen Schaffen behandelt er oftmals Themen aus der Rock- und Popgeschichte. Im Jahr 2008 tat er sich mit dem Schriftsteller Franz Dobler für ein ganz besonderes Projekt zusammen: eine fast hundertjährige Geschichte der populären Musik in Bild, Text und Ton. Nun gibt es deren bereits viele und, seien wir ehrlich, sie unterscheiden sich üblicherweise nur geringfügig. Das Künstlerduo ging jedoch mit dem Ehrgeiz an die Aufgabe heran, eine völlig neue Sichtweise zu vermitteln. Binnen zweier Jahre nahm das Werk enzyklopädische Ausmaße an. Als es im Herbst 2010 mit dem Titel „Rock`n`Roll Fever“ gedruckt wurde, waren rund 200 Gemälde entstanden, darunter zum Beispiel Porträts von Sammy Davis Jr., Buddy Holly, Bob Dylan, Jimi Hendrix und Sid Vicious aber auch Szenen rund um das Thema Musik. Was Sieber noch im Dunkeln lässt, erhellt Dobler, indem er in seine begleitenden Essays die Vorder- und Hintergründe der Rock- und Popgeschichte erzählt.

Dream Boy
Auf einem der Gemälde sitzt Elvis Presley in lässiger Pose auf einem Stuhl im dämmrigen Schein einer Lampe, deren Fuß die Figur eines Hula-Mädchens bildet. Die roten Vorhänge sind zugezogen. Sein Markenzeichen, die Tolle, sitzt perfekt. Das Hemd des Sexsymbols ist bis zum Bauchnabel geöffnet. Neben ihm stehen diverse Pillendosen. Einzelne Pillen sind auf dem Beistelltisch verstreut. Seine Augen sind verquollen, sein Gesicht grau, sein Mund verkniffen. „Dream Boy“ ist der Titel dieses Gemäldes. Er konterkariert auf ironische Weise den Inhalt, der so gar nicht dem Ideal entsprechen will. Auch Jerry Lee Lewis kommt in einem Gemälde mit dem Titel „Bordell Piano Man“ nicht eben besonders gut weg. Daraufhin befragt, antwortet Sieber mit Unschuldsmiene, er könne nichts dafür, er orientiere sich schließlich an der Wirklichkeit.

Ins Gesicht geschrieben
Der Schwerpunkt der sieberschen Porträts liegt auf den Gesichtern. Er bildet ab, was den Menschen – im wahrsten Sinn des Wortes – darin geschrieben steht. Er kehrt in seinen Gemälden die kosmetischen Korrekturen, die an den Bildern der Musikgrößen oftmals vorgenommen werden, um bis ins Groteske und verzerrt so die Mechanismen und Symptome, die mit der Rockhistorie einhergehen, bis zur wesenhaften Kenntlichkeit. „Die Promo-Fotos, die man vor allem von den 40er-, 50er-Jahre-Musikern bekommt, sind so glatt“, beschwert er sich. Siebers Gemälde stehen im Widerspruch zum dem, wie die Stars sich selbst gerne in Szene gesetzt sehen und entlarven damit das Artifizielle an deren „Images“. Er fertigt Star-Schnitte der ganz anderen Art in der Tradition der deutschen Maler George Grosz und Otto Dix.

Wahlberliner
Guido Sieber wurde 1963 in Karlsruhe geboren. Seit den frühen 1970er Jahren lebt und arbeitet er in Berlin. Er fertigte Illustrationen für Spiegel, Geo, Stern, Süddeutsche Zeitung und Rolling Stone. Er gestaltet Album-Covers für das Berliner Independent-Label Oriente Musik. Seine Comics wurden unter anderem in den Fachmagazinen U-Comix und Schwermetall veröffentlicht. Seit 1994 erscheinen Siebers Arbeiten regelmäßig im Satiremagazin Eulenspiegel. Seine Werke wurden bisher in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, etwa in Berlin, Hamburg und Paris. Seit 2006 arbeitet er mit der Berliner Galerie Friedmann-Hahn zusammen.

Von Guido Sieber erschienen unter anderem: „Rock`n`Roll Fever“ (2010, Edel) „Hassen leicht gemacht“ (1999, Achterbahn), „Die Macht der Lüge“ (1993, Carlsen).

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