„Trainieren für den Ernstfall“

Silvio Burlon ist Direktor der Hessischen Landesfeuerwehrschule in Kassel. Foto: Mario Zgoll

Silvio Burlon ist Direktor dieser nicht alltäglichen Schule, deren Aufgabe es ist, Freiwillige Feuerwehren, Berufsfeuerwehren und Werkfeuerwehren auf ihre Einsätze vorzubereiten. „Wir sind sicher eine der modernsten Feuerwehrschulen in Deutschland“, sagt der 61-Jährige. Der Mittelhesse, in Wetter bei Marburg geboren und aufgewachsen, kam vor 34 Jahren nach Kassel in die Landesfeuerwehrschule. Seine Ausbildung zum Feinmechaniker und ein Ingenieurstudium waren gute Grundvoraussetzungen für die erfolgreiche Arbeit an der Landesfeuerwehrschule.

Realitätsnahe Einsatzübungen auf dem Schulgelände
240 Feuerwehrleute können in Hessens Landesfeuerwehrschule untergebracht und geschult werden – zurzeit läuft gerade eine große Modernisierungsmaßnahme. Aus 60 Zweibettzimmern entstehen 120 gut ausgestattete Einzelzimmer. Moderne Technik macht realitätsnahe Einsatzübungen möglich. Es gibt zwei Übungshäuser, eine hochmoderne Lehrleitstelle, eine große Übungshalle, eine Brandsimulationsanlage, mehrere Fahrzeughallen, eine Betriebswerkstatt und eine Atemschutzwerkstatt und natürlich einen großen Gebäudekomplex mit modernen Schulungs-und Unterkunftsräumen. Auf dem 6 Hektar großen Gelände am Rande des Naturschutzgebietes Dönche im Südwesten der Stadt Kassel finden sich außerdem ausgediente Autos und Eisenbahnwaggons, die auf speziellen Übungsflächen eingesetzt werden. Es sind Requisiten, um Unfälle zu simulieren. Zu den Lehrkräften für über 8.000 Feuerwehrleute pro Jahr zählen unter anderem externe Referenten wie Notärzte, Psychologen und Kommunikationstrainer.

Voraussetzung Studium oder Ausbildung
Eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein abgeschlossenes Studium, möglichst aus dem handwerklich/naturwissenschaftlich-technischen Bereich und eine gute Allgemeinbildung, sind Voraussetzungen für die mittlere oder gehobene Laufbahn des feuerwehrtechnischen Dienstes der Berufsfeuerwehren. Zwei Jahre dauert die Ausbildung. In die Ausbildung integriert sind 16, bzw. für den gehobenen Dienst 25 Wochen Schulung in der Hessischen Landesfeuerwehrschule.

Physische und psychische Fitness sehr wichtig
Allerdings nicht nur das: ganz wichtig sind körperliche und mentale Fitness. Die Einstellungstests sind nicht ohne. „Unsere Leute müssen sportlich fit sein und während ihrer zweijährigen Ausbildung das silberne Sportabzeichen machen“, sagt der Schulchef. Körperliche Belastbarkeit sei das A und O – schwindelfrei zu sein, gehöre zum Beispiel auch dazu. Auch das kann auf dem Schulgelände abgefragt und trainiert werden.30 Meter Höhe dürfen da für die Männer und Frauen kein Problem sein. 18 Kilo schwer sei allein das Atemschutzgerät, das bei vielen Einsätzen getragen werden müsse.

Höchstleistungen und voller Einsatz
Außerdem warten detailgetreue Miniaturlandschaften mit Bahnstrecken, Brücken und Straßen darauf für Simulationen und Planungen eingesetzt zu werden. Rund 8.000 Feuerwehrleute aus Freiwilligen Feuerwehren und Berufs- und Werkfeuerwehren werden pro Jahr in Kassel geschult – 8,6 Prozent von ihnen waren im vergangenen Jahr Feuerwehrfrauen.

Teamfähigkeit ist das A und O
Wer sich dafür entscheide zur Berufsfeuerwehr zugehen, müsse unbedingt teamfähig sein und einen ausgeprägten Teamgeist mitbringen, so Silvio Burlon. „Diejenigen, die nicht teamfähig sind, werden wenig erfolgreich sein“, sagt er. Feuerwehrleute leben und arbeiten meistens im Schichtdienst und müssen beispielsweise in 16-Stunden-Schichten miteinander auskommen. Die besondere Verbindung zwischen den Kameraden sei überall auf der Welt zu spüren. Nach besonders schweren Einsätzen setze man sich zusammen und spreche ausführlich über den Einsatz. Das helfe, das Gesehene und Erlebte auszuhalten, so Direktor Silvio Burlon.

Sicherheit für Retter und zu Rettende
Der Beruf des Feuerwehrmannes oder der Feuerwehrfrau fordert vollen Einsatz – Helden seien allerdings nicht gefragt. „Helden bringen sich selbst und damit auch andere in Gefahr. Die erste Regel an der Einsatzstelle ist es, sich selbst zu schützen. Nur dann ist man in der Lage zu helfen.“ Ein Fahrzeugführer beispielsweise habe die Verantwortung für seine Einheit und müsse die Lage überblicken, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Vielfältige Einsatzgebiete
Gefahrenlagen wie Waldbrände oder Hochwasser aus der Luft beobachten und beurteilen, dazu werden spezielle Luftbeobachter in den Feuerwehren ausgebildet. Der Beruf ist vielfältig. Im täglichen Leben, so Silvio Burlon, bestehe er etwa zu einem Drittel aus Einsätzen zur Brandbekämpfung, zwei Drittel der Einsätze decken den Bereich der technischen Hilfeleistung ab. Allein 150 schrottreife Autos werden pro Jahr auf dem Gelände der Landesfeuerwehrschule benötigt, um Unfallsituationen zu simulieren und Einsätze zu üben.

Auf dem neuesten Stand der Technik
Deshalb ist es auch notwendig, immer auf dem neuesten Stand der Technik zu sein. Wie lassen sich moderne Autos am besten und am schnellsten öffnen? Welche Fenster, Türen und Alarmanlagen werden in Gebäuden verwendet? Welche Materialien werden beim LKW-Bau verwendet – und was ist zu beachten, wenn man im Notfall einen LKW aufbrechen muss? Neue Sicherheitsvorkehrungen wie Airbags erfordern neue Kenntnisse und neue Rettungsmethoden. Eine neue Herausforderung sind die Fahrzeuge mit Elektro-, Gas oder Hybridantrieb. Technisches Verständnis, viel Wissen aus den Fachgebieten Physik, Chemie, Informatik und Mathematik gehören unbedingt dazu. So erklärt sich auch die Anforderung eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium aus dem technisch-naturwissenschaftlichen Bereich vorzuweisen.

Eine Stadt mit Potenzial
Stillstand ist jedenfalls nichts für die Feuerwehr und auch nichts für Silvio Burlon. Er entspannt in seiner Freizeit beim Ski- oder Motorradfahren und, so sagt er, beim „Kochen, Essen und Genießen“. In Kassel ist der Mittelhesse heimisch geworden und sieht „viel positives Potenzial“, die Stadt sei aus der Nachkriegsstarre erwacht.

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