Überleben für Deutschland

Nerven wie Drahtseile: 48 Stunden, mit nur wenigen Unterbrechungen, agiert und reagiert Christoph Schlingensief im Rahmen seiner ersten Kunstaktion „Überleben für Deutschland“ in der Orangerie. Seine kurzfristige Verhaftung erregt bundesweites Aufsehen. Foto: Jan Hendrik Neumann

Nerven wie Drahtseile: 48 Stunden, mit nur wenigen Unterbrechungen, agiert und reagiert Christoph Schlingensief im Rahmen seiner ersten Kunstaktion „Überleben für Deutschland“ in der Orangerie. Seine kurzfristige Verhaftung erregt bundesweites Aufsehen. Foto: Jan Hendrik Neumann

Er war so provokant und umstritten wie gefragt und bewundert: der Aktionskünstler, Regisseur und Autor Christoph Schlingensief, dessen früher Tod nun eine tiefe Lücke in die deutsche Gegenwartskultur gerissen hat. Vor 13 Jahren nahm er teil an der documenta X – wo er prompt verhaftet wurde.

30. August 1997, die Kasseler Feuerwehr im bedingungslosen Kunsteinsatz: Hunderte von Sandsäcken werden eiligst vor dem „Hybrid WorkSpace“ abgeladen, einem temporären Medienlabor in der Orangerie. Christoph Schlingensief und Mitglieder seines Ensembles legen dabei selbst Hand an – wer hier hinein will, muss erst Hürden überwinden. Und zudem auf erheblich mehr gefasst sein als das, was schon die Plakate am Eingang ankündigen: „16 Uhr Porno-Show. 18 Uhr große Signierstunde. 20 Uhr Polter-abend.“ Denn Schlingensiefs erste Kunstaktion – „Mein Filz, mein Fett, mein Hase – 48 Stunden Überleben für Deutschland!“ – steht unter dem Motto: „Was sind schon 7000 Eichen gegenüber 6 Millionen Arbeitslosen?“ Das „ständig wachsende Trauma, nicht mehr gebraucht zu werden oder austauschbar zu sein“, will der Künstler hier exemplarisch überwinden, „durch pure Anwesenheit. Eigentlich passiert nichts, aber wir sind da!“ – beschützt von Sandsäcken und gestärkt durch militärische Kluft.

Kein Messer für Catherine
Doch schon bald passiert mehr als nichts: Ausstaffiert wie einst John Lennon und Yoko Ono, skandieren Christoph Schlingensief und die japanische Performancekünstlerin Hanajo nicht nur für den Weltfrieden, sondern ebenso gegen das Vergessen jener Millionen von Arbeitslosen. Aber auch Schlingensief selbst will nicht vergessen werden. Während er „die Dame in dem blauen Zelt“ hereinbittet, laufen private Super-8-Filme aus seiner Kindheit: „Da, das bin ich auf Norderney. Meine Mutter ließ mich immer über spitze Steine laufen, um mich abzuhärten … Und dies ist die erste Jacht, die mein Vater besessen hat“, kommentiert er ungerührt eine Aufnahme der Gorch Fock. Im Hintergrund läuft der Soundtrack zu Russ Meyers Underground-Filmklassiker „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ von 1965, als der Künstler beiläufig erzählt: „Heute Abend wird Catherine David bei uns sein und mit uns essen. Wir werden ihr allerdings weder Messer noch Gabel geben – warten wir mal ab, wie sie damit umgeht.“ Mehr als hektische Aufbruchstimmung macht sich schließlich breit, als er neue Besucher mit den Worten begrüßt: „Schön, dass Sie da sind, gehen Sie gleich weiter! Unser heutiges Thema lautet ,Kindersex in Deutschland‘. Achtung, jetzt wird die Tür geschlossen!“

Ulysses und Kondome
Ensemble-Mitglied Bernhard Schütz animiert neu hinzukommendes Publikum zu Yoga-Übungen, während Christoph Schlingensief eine taiwanesische Touristin vorstellt als „die geflohene Tochter des nordkoreanischen Botschafters – einen kräftigen Applaus bitte!“ Minuten später kündigt er an: „Wir lassen jetzt Gas in den Raum, aber keine Angst: Sie wachen nach 20 Minuten wieder auf. Halt, Sie können jetzt nicht mehr raus! Was soll denn das? Warum kommen Sie denn, wenn Sie gleich wieder gehen …?“ Fast so erfolgreich sind Willkommenshinweise wie: „Hallo, wir sind bekennende Anhänger der Dianetik. Kommen Sie zu uns, wir wollen gemeinsam unsere Engramme löschen!“ oder: „Ich beginne jetzt mit der Lesung von ,Ulysses’. Das wird etwa zwei Tage dauern; die anderen Veranstaltungen verschieben sich dadurch um 48 Stunden“, wie auch die freundliche Aufforderung: „Bringt Hasch mit, bringt Kondome mit, und dann wollen wir sehen, was hier möglich ist!“, untermalt von der Titelfanfare zu „Krieg der Sterne“. Das ganze Ensemble singt inbrünstig: „Danke, für diesen guten Morgen, danke, für jeden neuen Tag …!“; fast beiläufig wirft Schlingensief Sätze in den Raum wie: „Manche Leute lügen schon, wenn sie nur Ich sagen“, und schließlich signiert er documenta-Besuchern, vor der Orangerie, zahlreiche bereitliegende Bücher – die Bücher anderer Autoren. Das Publikum dieses Tages ist verunsichert, spielt meist schicksalsergeben mit oder flüchtet. Nur eine einzige Stimme erhebt sich, wird laut. Und da huscht ein Lächeln über Christoph Schlingensiefs Gesicht: „Ah, jetzt werde ich beschimpft. Das ist gut – endlich kommt etwas in Gang!“

Am darauffolgenden Tag führt ein Bestandteil der Inszenierung, ein Plakat mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl!“, zur kurzfristigen Verhaftung von Christoph Schlingensief und Bernhard Schütz, die Künstlerin Hanajo wird beim Einsatz der Kasseler Polizei von einem Schäferhund gebissen.

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