Was bleiben wird

Dr. Stephan Schwenke, Kassels neuer Stadtarchivar

Im kühlen Gewölbe, aufs Pult gebückt, / so weltverloren, so weltentrückt, / sitzet und forschet, wie manches Jahr, / also auch heute, der Archivar. (…) Doch hat er in all dem Kommen und Gehen / den Kern der Wahrheit schimmern gesehen / und weiß es fürder unbeirrt, was bleibend gewesen und bleiben wird. (…)“ Mit diesem, vor rund 100 Jahren von August Sperl verfassten Gedicht über seinen Berufstand kann sich Kassels neuer, mit Beginn 2014 in sein Amt eingeführter Stadtarchivar Dr. Stephan Schwenke (39) wohl nur bedingt identifizieren. Denn zumindest von „kühlen Gewölben“ blieb er bislang verschont: Sowohl sein vorheriges, fünfjähriges Betätigungsfeld, das Lingener Stadtarchiv, ist glücklicherweise in einem Obergeschoss angesiedelt, wie auch seine neue Wirkungsstätte, das auf der Markthalle des Marstalls thronende Kasseler Stadtarchiv.

Anspruchsvolle Aufgabe für Dr. Stephan Schwenke: Nachdem Frank-Roland Klaube das Amt des Stadtarchivars von 1968 bis Ende 2008 eindrucksvolle 40 Jahre inne hatte, konnte es seither nicht mehr dauerhaft besetzt werden. Foto: Mario Zgoll

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Was beide indes unterscheidet, ist die aufgrund der Stadtgrößen stark differierende Anzahl der überlieferten Dokumente, wobei die Lingener Bestände immerhin noch 150 Jahre Stadtgeschichte reichhaltig nachvollziehbar machen, während Kassel im Oktober 1943 den Großteil seiner bis dahin per Archiv erfassten Historie verloren hat.

Stephan Schwenke, der zunächst Geschichte studierte und dann eine zweijährige Zusatzausbildung zum Archivar absolvierte, dürfte dennoch gerade in Kassel ein ideales Feld für die Bereiche vorfinden, die schon die Schwerpunkte seines Studiums bildeten: Stadtentwicklungsgeschichte und Militärgeschichte. Was ihn besonders anspornt: „Im kommunalen Bereich hat man viel mehr Freiheiten, man kann seiner Kreativität viel mehr freien Lauf lassen als das im staatlichen Bereich der Fall ist“, wie er bereits Ende 2011 in einem Interview formulierte. Konkret hieß das in Lingen etwa, Hemmschwellen potentieller Stadtarchiv-Nutzer dadurch abzubauen, dass in Kooperation mit der dortigen Volkshochschule in Lesekursen das Entziffern älterer Schriften wie Sütterlin angeboten wurde – vor allem zur Freude dortiger Familienforscher.

Geschichte bewusst machen
Auch mit der Unterstützung zahlreicher Arbeitskreise sowie der regelmäßig publizierten »Archivalie des Monats« setzte er dort viel daran, das Geschichtsbewusstsein und –interesse in der Bevölkerung voranzutreiben. „Weltverloren“ oder gar „weltentrückt“ wird man ihn daher wohl kaum erleben, ganz im Gegenteil: „Die Forschung hält einen eben sehr jung“, so Schwenke, dessen Elan zu wünschen ist, dass er noch beflügelt wird von der bereits seit Jahrzehnten überfälligen Verbesserung der räumlichen und personellen Situation des Stadtarchivs, die – laut Stadtverordnetenbeschluss vom 7. Oktober 2013 – nun erstmals in Griffnähe gerückt ist.

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