Zwei Schlüssel fürs ganze Leben

Der Vorzeige-Klavierstimmer Jerzy Zaremba brachte alle Stars in die richtige Stimmung – und geht nun in Rente. Foto: Mario Zgoll

Der Vorzeige-Klavierstimmer Jerzy Zaremba brachte alle Stars in die richtige Stimmung – und geht nun in Rente. Foto: Mario Zgoll

Stars hat Jerzy Zaremba massenhaft gesehen. Viele der Stars haben ihn aber nicht gesehen. Denn Zarembas Arbeit endete, bevor die Künstler die Bühne betraten. Klaviere und Flügel stimmen – das kann der gebürtige Pole wie kaum ein anderer. Er tat es im Kulturzelt ebenso wie in der gesamten Region, auf großen Konzerten und in Privathaushalten. Vor wenigen Wochen beendete der Mann, der vor 32 Jahren nach Kassel kam, hier seine bunte berufliche Karriere. Vorerst.

Es ist, wie es halt im Leben so ist. Was für die einen logisch und schlüssig erscheint, können andere nicht nachvollziehen. „Jurek, du musst zum Psychiater“, musste er sich anhören. Dass der Mann, der Klavierbauer lernte, als Reiseleiter arbeitete, Rettungsschwimmer in der Ostsee war, dass dieser Mann, der gerade in den USA Fuß gefasst zu haben schien; dass der nun nach Polen zurück kam, dorthin, wo es in Sachen Konsumgüter und großer Karriere kaum etwas gab, war für Freunde und Bekannte unverständlich. Für Jurek Zaremba aber, den alle nur Jerzy rufen, macht seine Lebensgeschichte Sinn.

In Chopins Stadt geboren
In Polen ist Jerzy Zaremba geboren, genauer: in Sulechow. Sulechow. Nie gehört? Dort lebte auch Zarembas berühmter Landsmann Frédéric Chopin. Ihm zu Ehren werden dort heute noch die gleichnamigen Festspiele abgehalten. Klavierbauer wollte er werden. Zaremba schaffte es. Wie so vieles in seinem Leben. Leicht war es nicht. „530 Kandidaten gab es“, erinnert er sich, „33 davon wurden angenommen und nur 19 haben die Ausbildung schließlich abgeschlossen. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das geschafft habe.“

Hört man Zaremba genau zu, während er aus seinem bewegten Leben erzählt, dann bekommt man eine Ahnung davon, warum er als Kandidat angenommen wurde und auch später noch viele Dinge geschafft hat: Ehrgeiz, Wissensdurst und eine Portion Wagemut sprechen aus seinen vielen Geschichten, den großen und den kleinen, und dennoch ist Zaremba bodenständig und bescheiden, ohne sich in der Pose zu gefallen oder sich in gespielter Bescheidenheit zu suhlen. Verändern wird sich der 65-Jährige wohl nicht mehr. „Ich würde auch mit Millionen aus dem Lotto nicht anders leben als jetzt. Dafür habe ich zu oft bei Null angefangen.“

Der ausgebildete Klavierbautechniker arbeitete nach der Lehre in seinem Metier als technischer Zeichner, ging pflichtschuldigst zum Militär und gründete mit 22 Jahren seine erste eigene Firma. Die amerikanische Cousine seiner Mutter brachte ihm schließlich die Welt jenseits des Ostblocks näher. In Amerika hatte er zwei tolle Jahre, ging als Klaviertechniker in Live-Clubs und den Villen von Beverly Hills ein und aus. Wegen seines Vaters ging er zurück nach Polen und musste sich das anhören, was man eben zu hören bekommt, wenn man die große Karriere im gelobten Land soeben hingeschmissen hat. Später arbeitete er im schwedischen Helsingborg, gründete eine Firma im polnischen Kalisz, landete am berühmten Chopin-Institut in Warszawa und kam schließlich als Repräsentant der Firma Steinway 1980 nach Hamburg. In Polen herrschte Generalstreik. Dorthin wollte er nun nicht mehr. Zaremba hatte Angebote aus Hamburg, München und Zürich – und entschied sich für Kassel. „Die Stadt war nicht so teuer wie die anderen.“ Hier unterschrieb er bei der Firma Eichler. 32 Jahre hielt er ihr, deren Kunden und Institutionen wie dem Kulturzelt die Treue.

Die Rente ist da. Und jetzt? Er taucht gern, liebt das Segeln, ist aktiv in Karate Taikido und ganz verrückt nach Ski Alpin. Fast selbstverständlich, dass auch hier viele Pokale seine Wohnung zieren. Jerzy ist nun, da er mehr Zeit hat, oft bei seiner Freundin, einer Zahnärztin, in Hannover, hat „Kontakte in Schweden, in London und auf Mallorca, aber es kann auch sein, dass wir in die USA gehen, dort lebt der Vater meiner Freundin. Der ist auch Zahnarzt und baut ganz nebenbei Wein an. Da braucht man auch gute Klavierstimmer.“ Wohin aber auch es Jerzy Zaremba verschlagen wird – ein Mensch wird ihm immer in Erinnerung bleiben. „Er ist 102, ein toller Mann, und lebt heute in Arolsen in einem Altersheim. Er hat mir immer gesagt: Du musst das Leben genießen und immer positiv denken. Und daran halte ich mich und fahre gut damit.“

Kurze Kapitänskarriere
Ein Artikel über Jerzy Zaremba wäre nicht rund, wenn man nicht noch diese kleine Anekdote über ihn erzählen würde. Kaum eine Geschichte beschreibt seine Lust, Horizonte zu erkunden, besser. Besser noch: er erzählt sie selbst. „Ich wollte als Kind Kapitän werden, so wie mein Onkel, der die ganze Welt befahren hat. Für uns im Ostblock war das schier unfassbar. Also habe ich mit drei Schulfreunden zusammen ein Boot geklaut. Wir wollten wie die Kon-Tiki die ganze Welt befahren. Als Proviant hatten wir Süßigkeiten dabei. Wir kamen gut voran, keiner hatte etwas gemerkt. Aber nach drei Kilometern erwischte uns ein Boot der Wasserschutzpolizei und brachte uns auf die Wache, wo uns unsere Eltern abholten. Später war mein Hintern längere Zeit blau.“

Wie es auch kommt bei Jerzy Zaremba, „meine Schlüssel zum Überleben sind mein Stimmschlüssel und meine Stimmgabel. Die habe ich immer bei mir. Klaviere stehen schließlich überall auf der Welt“.

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