Gegenwind

Wir Menschen brauchen Strom. Viel Strom. Und in Zukunft eher mehr, spätestens wenn jeder ein Elektroauto fährt. Doch woher nehmen wir all die Energie? Der Atomkraft haben wir in Deutschland den Rücken gekehrt und auch der Kohleausstieg wird sicherlich irgendwann klappen. Und dann? Erneuerbare Energien. Die sind gut, da sind sich alle einig. Aber nicht überall. Zum Beispiel nicht im Reinhardswald, finden immer mehr Menschen dort und haben sich zum Aktionsbündnis Märchenland zusammengeschlossen.

Klaus Becker und Oliver Penner (v.l.) vom Aktionsbündnis Märchenland an einem Windrad, wie es bald auch im Reinhardswald stehen könnte. Foto: Mario Zgoll

Klaus Becker und Oliver Penner (v.l.) vom Aktionsbündnis Märchenland an einem Windrad, wie es bald auch im Reinhardswald stehen könnte. Foto: Mario Zgoll

„Das ist mit das schönste Stück Flusslandschaft in Deutschland”, startet Hermann-Josef Rapp eine gedankliche Reise von Hann. Münden die Weser hinab nach Bad Karlshafen. Er beschreibt die bewaldeten Hänge, Ausläufer des Reinhardswalds, der hier bis an die niedersächsische Grenze reicht. Es scheint ihm unvorstellbar, dass auf diesen Bergkämmen bald Windräder stehen könnten. Nur auf hessischer Seite übrigens, weil in Niedersachsen keine Windräder in Wäldern aufgestellt werden. „Diese Landschaft mit ihren unzerschnittenen Waldgebieten ist unser Kapital“, gibt der stellvertretende Forstamtsleiter im Ruhestand zu bedenken. Seit Jahrzehnten gilt er als die Stimme des Reinhardswalds und die scheint jetzt mehr denn je gefragt.

Bis zu 360 Millionen Kilowattstunden pro Jahr
20 Windräder sollen schon bald im Reinhardswald aufgestellt werden, betrieben von der 2018 gegründeten Windenergie Reinhardswald Verwaltungsgesellschaft mbH. Die rechnet mit einem Energieertrag von bis zu 360 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr, was rechnerisch ausreichen würde, um rund 100.000 Haushalte zu versorgen. „Wir paar Einwohner hier oben können das gar nicht verbrauchen“, sagt Klaus Becker vom Aktionsbündnis Märchenland. Er spricht von Industrieanlagen zur Stromerzeugung, die hier im Reinhardswald entstünden und von der Nichtspeicherbarkeit der Energie: „Wenn Strom erzeugt wird, muss er in dem Moment auch verbraucht werden.“ Also müsse man ihn exportieren. „Wir wollen lieber, dass die Kasseler zum Laufen in den Reinhardswald kommen, anstatt Strom von hier zu beziehen.“

Natürlich geht es ums Geld
Man sei nicht grundsätzlich gegen Windenergie, sagt Pro Märchenland Sprecher Oliver Penner. Sauberen Strom wolle natürlich jeder, aber das Wie müsse auch geklärt sein und solche Anlagen mitten im Reinhardswald aufzubauen, sei nicht in Ordnung. Natürlich gehe es dabei ums Geld, sagt Penner. Künftig flössen Pachten in Höhe von siebzig- bis hunderttausend Euro pro Windrad und Jahr an Hessenforst.

Unzerschnittener Lebensraum
„Wir schmeißen hier alle Grundsätze der Sozialverträglichkeit über Bord“, sagt Rapp. Nach zähem Kampf sei der Reinhardswald endlich ein Naturpark geworden mit bis zu 200 Jahre alten Bäumen, rund 350.000 Tierpark-Besuchern im Jahr, dem ersten Friedwald Deutschlands und archäologischen Besonderheiten wie Wölbäckerfluren aus dem 13. Jahrhundert, Hügelgräbern aus der Bronzezeit und mittelalterlichen Glashüttenstandorten. Und natürlich sei er aus ökologischer Sicht ein hochwertiger und unzerschnittener Lebensraum für viele Tiere. Und hier wolle man nun Windräder platzieren.

Ökologisches Tafelsilber zerstören
Gut 2000 Hektar sind im Reinhardswald als Vorranggebiete für Windenergie ausgewiesen. Diese würden durch die Windenergieanlagen belastet: Kranflächen, Zuwegungen, Verkabelungen, Trafostationen, Geräuschemissionen und natürlich die 20 bis zu 250 Meter hohen Windräder selbst gehören zu den Störfaktoren. Die stünden zwar nicht direkt im Tierpark oder im Friedwald, sondern in angrenzenden Waldstücken und auch den uralten Buchenbeständen rücke man nicht zu Leibe, dennoch nehme man dem riesigen Waldgebiet seine Unzerschnittenheit und Ruhe. „Als Wanderer wollen Sie nicht zwischen solchen Dingern langlaufen“, so Rapp. Im Kellerwald, auf dem Hohen Meißner und im Umfeld des Herkules habe man das erkannt und stelle keine Windräder auf. Im Reinhardswald jedoch wolle man das ökologische Tafelsilber zerstören.

Windkraft gehört zum Energiemix
Pauschal ist gegen Windkraft nichts einzuwenden, da sind sich alle drei Vertreter des Aktionsbündnisses Märchenland einig. Mit all ihren Stärken und Schwächen gehört sie zum Energiemix, den wir in Zukunft für unsere Stromversorgung benötigen. Allerdings habe alles seine Grenzen und auf einen Naturpark wie den Reinhardswald müsse man Rücksicht nehmen. Allerdings gebe es neben der Energieerzeugung noch einen anderen ganz entscheidenden Punkt, wie Hermann-Josef Rapp sagt: „Ich vermisse eine Diskussion darüber, wie man Strom einsparen kann.“

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