Innovativer Stadtverkehr

On-Demand-Lösung revolutioniert ÖPNV-Angebot in Melsungen
„Die Bewältigung der Beförderungsfälle in den Entleerungsgebieten“ ist der Titel eines Beitrags, den Hessens früherer Verkehrsminister Dieter Posch im April 2018 für die Fachpublikation Infrastruktur Recht geschrieben hatte. Es ging um den öffentlichen Personennahverkehr im ländlichen Raum und Posch hatte den Titel bewusst gewählt, denn er war entsetzt von den als offiziellen Fachtermini gehandelten Begriffen. „Der ländliche Raum darf sich nicht abhängen lassen“, mahnt er immer wieder. Und dank seiner Initiative startet in Melsungen schon bald ein hessenweites Pilotprojekt, das den ÖPNV im ländlichen Raum voranbringen soll. Projektpartner sind die Stadt, der Nordhessische Verkehrsverbund NVV, ein Busunternehmen und der örtliche Taxiunternehmer.

Wie ein Londoner Taxi wird das Hybrid-Fahrzeug für den fahrplanlosen On-Demand-Verkehr aussehen. Foto: Martin Weißhand/NVV

Wie ein Londoner Taxi wird das Hybrid-Fahrzeug für den fahrplanlosen On-Demand-Verkehr aussehen. Foto: Martin Weißhand/NVV

Das Bild, das Dieter Posch auf ein Blatt Papier malt ist nicht schwer zu verstehen: Mit Kringeln skizziert er grob ein paar Städte, die vom öffentlichen Personennahverkehr angefahren werden. Die erforderliche Buslinie zieht er als Kuli-Strich von Punkt zu Punkt. „Jetzt kommen noch die umliegenden Dörfer hinzu“, sagt Hessens früherer Verkehrsminister und malt kleinere Kringel in die Peripherie. Die kleineren Kringel können nur von ausladenden Kuli-Strichen erreicht werden. „So läuft das bislang im ländlichen Raum“, sagt Dieter Posch. Und die Busse, die die kleinen Orte anfahren, seien oft kaum besetzt. Effizient sei das nicht.

Teure Bus-Kilometer
So komme es, dass der Kostendeckungsgrad des ÖPNV in Nordhessen bei nur 32 Prozent liege, gibt Posch zu bedenken. „Wo nur noch wenige Beförderungsfälle existieren, hilft morgens und abends ein an den Fahrplan gebundener Bus überhaupt nichts. Er befriedigt weder die Bedürfnisse der Menschen in den kleinen Orten, noch ist er finanziell vertretbar“, so Posch. Die Fahrgeldeinnahmen würden bei solchen Fahrten und bei Bus-Kilometer-Preisen zwischen 2,50 und 3 Euro zum Teil nicht mal zehn Prozent der Ausgaben decken.

Ländlichen Raum nicht vergessen
„Man orientiert sich bei der Entwicklung des Öffentlichen Nahverkehrs nicht am ländlichen Raum“, erklärt Posch das Problem. Das sei ein Fehler: „Die Politik übersieht, dass gerade mal die Hälfte der Deutschen in Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern lebt.“ Nach wie vor sei der ländliche Raum wichtiger Wohn-, Markt und Wirtschaftsstandort. 60 Prozent der Betriebe befänden sich hier. Und damit das so bleiben könne, gehörten Ärzte, schnelles Internet und Mobilität dazu.

Hessenweites Pilotprojekt
Die Lösung sieht Posch in individuellen Nahverkehrsangeboten on demand. „Wir brauchen Shuttles, die auf bestimmten Strecken ohne Fahrplan Fahrgäste abholen und wieder nach Hause bringten“, erklärt Dieter Posch. Das neue ÖPNV-Konzept für seine Heimatstadt, das knapp 14.000 Einwohner zählende Melsungen, sehe genau das vor. Unterstützt vom Nordhessischen Verkehrsverbund NVV und in Kooperation mit der Stadt, einem Busunternehmen und dem örtlichen Taxiunternehmen werde es im Dezember das Projekt „Innovativer Stadtverkehr Melsungen“ als hessenweiten Piloten für Mobilität im ländlichen Raum starten.

Bus und On-Demand-Shuttle
„Die Stadt wird ab dem Fahrplanwechsel am 15. Dezember einen neuen, kleineren Bus einsetzen, der die Haltestellen der Stadtbuslinie im 30-Minuten-Takt anfährt“, sagt Dieter Posch. Ergänzt werde der Bus durch ein fahrplanloses On-Demand-Shuttle, das alle Stadtbereiche jenseits der Stadtbuslinie bediene und das Angebot auch außerhalb der Stadtbus-Fahrplanzeiten ergänze.

Gebucht werden könne das Shuttle, das Menschen gezielt von Haltestelle zu Haltestelle befördere, über die NVV-App oder telefonisch über die NVV-AST-Zentrale, erklärt Verkehrsplaner Martin Weißhand. Als Projektleiter in der NVV-Stabsstelle Mobilität im ländlichen Raum hat er das neue Nahverkehrsmodell mit auf die Beine gestellt. „Der NVV unterstützt das Projekt mit Beratung, der App und viel technischem Background“, erklärt Dieter Posch.

Bedarfsgerecht und effizient
„Innovativer Stadtverkehr Melsungen“ zeichnet sich durch höhere Flexibilität und Effizienz aus, sowohl für die Anbieter als auch für die Nutzer. „Die Fahrgäste können bedarfsgerecht transportiert werden und werden hierdurch keine höheren Kosten in Kauf nehmen müssen“, so Posch. Die Stadt als Betreiber profitiere ebenfalls davon, denn sie müsse keine teuren Leerfahrten großer Busse finanzieren. Die Einsparungen hierdurch könnten für den Einsatz des On-Demand-Shuttles verwendet werden.

Bei den Fahrzeugen setze man auf zeitgemäße Elektro- und Hybrid-Technik. „Das Shuttle ist ein Hybridfahrzeug“, erklärt Martin Weißhand, „der Bus wird zunächst als Euro-6-Diesel starten und im Frühjahr 2020 durch einen Elektro-Bus ersetzt werden.“ „Wir möchten moderne Technik nicht nur in Ballungsräumen eingesetzt sehen, wo sie der Profitmaximierung des ÖPNV dient, sondern auch im ländlichen Raum, wo hohe Subventionen für den ÖPNV gezahlt werden müssen“, sagt Dieter Posch.

Kein leichter Weg
Erstaunlich: Obwohl die Vorteile auf der Hand zu liegen scheinen, sei es nicht leicht gewesen, das Projekt auf den Weg zu bringen, sagt der frühere Verkehrsminister. „Der Widerstand, den ich überwinden musste, war zum Teil erheblich“, sagt er. Und seine Bemühungen, Unterstützung durch Konzerne zu erhalten, die neuartige Verkehrskonzepte mit Elektrofahrzeugen testen, seien nach positiver Resonanz im persönlichen Gespräch schließlich doch nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Umso mehr sei er froh, Partner gefunden zu haben, damit das Projekt „Innovativer Stadtverkehr Melsungen“ nun starten könne. Werde es ein Erfolg, dann könne es sicherlich als Blaupause für andere Städte ähnlicher Größenordnung dienen.

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