Licht am Ende des Kabels

Wie die kleine Stadt Liebenau für besseres Internet kämpft
„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und trotzdem zu hoffen, dass sich etwas ändert“, besagt ein Einstein-Zitat, das über dem Schreibtisch von Liebenaus Bürgermeister Harald Munser an der Wand hängt. Harald Munser möchte etwas ändern und seine Stadt voranbringen. Beim Breitbandausbau wurde ihm das nicht leicht gemacht. Jetzt gibt es für die Haushalte in der Altstadt von Liebenau Glasfaser-Internet mit einem Gigabit pro Sekunde.

Bürgermeister Harald Munser und Polier Harald Rennert an einem Glasfaser-Hausanschluss in der Altstadt von Liebenau. Foto: Björn Schönewald

Bürgermeister Harald Munser und Polier Harald Rennert an einem Glasfaser-Hausanschluss in der Altstadt von Liebenau. Foto: Björn Schönewald

In der freien Wirtschaft hat Harald Munser lange gearbeitet, viele Jahre davon in verantwortungsvoller Position bei Airbus Helicopters. Er weiß, wie der Wind in der Wirtschaft weht und was es braucht, um Dinge voranzubringen. Umso erschütterter ist er über das, was auf öffentlicher Ebene passiert. Seit viereinhalb Jahren ist er Bürgermeister der Stadt Liebenau und was er in dieser Funktion beim Breitbandausbau erlebt hat, macht ihn fassungslos.

Fördermechanismen versagen
„Es zählt zur Daseinsvorsorge dazu, eine gute Breitbandversorgung zu haben“, sagt der Rathaus-Chef. Deshalb sei es gut, dass es große Förderprojekte für den Ausbau der Breitbandinfrastruktur gebe. „Wenn es aber um die konkrete Unterstützung von Projekten auf dem Land geht, versagen die Fördermechanismen“, sagt er. Das sei deprimierend und an die Bevölkerung überhaupt nicht vermittelbar.

Laut Analyse bestens versorgt
Über Jahre hätten die Förderrichtlinien in Liebenau mit seinen acht Ortsteilen eine Weiterentwicklung der Breitbandversorgung gar verhindert. Das Problem: Nach Einschätzung einer durch die Bundesregierung geförderten und im Jahr 2016 beauftragten Potenzialanalyse war Liebenau mit Breitbandinternet bestens versorgt. „Die Analyse ergab, dass wir in Summe nur 21 unterversorgte Anschlussteilnehmer hatten“, sagt Harald Munser. Denn damals habe eine freiwillige Selbstauskunft der Anbieter gereicht, dass sie im Zielgebiet Anschlussgeschwindigkeiten von mehr als 30 Mbit/s bereitstellen könnten oder beabsichtigten, in den nächsten drei Jahren den Ausbau entsprechend voranzutreiben. „Damit waren wir außerhalb der Fördermöglichkeiten, weil wir eine Versorgungsperspektive hatten“, sagt der Bürgermeister. Die Realität habe dabei völlig anders ausgesehen.

Platzhirsche frei von Interesse
„Ergänzend zur Potenzialanalyse haben wir damals auch ein Interessenbekundungsverfahren gestartet, um zu sehen, ob ein Marktteilnehmer einen eigenwirtschaftlichen Ausbau für Liebenau unternehmen möchte“, erzählt Munser. Es habe sich gezeigt, dass die Platzhirsche wie die Telekom kein Interesse hatten, hier zu investieren. „Die haben am Verfahren nicht mal teilgenommen“, so der Bürgermeister. Andere, wie die Deutsche Glasfaser, wollten nur da ausbauen, wo es entsprechende Anschlussmöglichkeiten an das Hauptnetz, den sogenannten Backbone, gibt.

Infrastruktur um Orte herumgelegt
Gut, dass die Breitband Nordhessen GmbH im größten Breitbandprojekt Europas genau dafür gesorgt und für 145 Millionen Euro eine Backbone-Infrastruktur in den Boden gegraben hatte. „Das war ein tolles Projekt“, sagt Harald Munser. Es habe nur einen Wermutstropfen gegeben: „Zur Vermeidung von Doppelförderungstatbeständen hat man die Backbone-Infrastruktur absichtlich um vier Ortsteile herumgelegt.“ Denn diese seien über eine bereits von öffentlicher Hand geförderte Richtfunkstrecke aus dem Jahr 2010 an das Internet angebunden gewesen. Doch die Richtfunkstrecke war weder stabil noch zukunftssicher, wie GöTel, seit 2018 neuer Betreiber, gleich eingeräumt hatte. GöTel möchte das Versorgungsgebiet nun auch mit Glasfaser-Internet erschließen, kann dabei aber nur unter erschwerten Bedingungen auf die weit abseits liegenden Anschlusspunkte der Backbone-Infrastruktur zugreifen.

Eigenwirtschaftlicher Ausbau
Den Breitbandausbau in der Altstadt von Liebenau konnte man indes abschließen und alle Haushalte mit Glasfaser-Internet mit einem Gigabit pro Sekunde versorgen. „Den Ausbau haben wir eigenwirtschaftlich vorgenommen, 100 Prozent durch die Stadt finanziert“, sagt Harald Munser. Dachte man zumindest. Denn im September 2019 kam dann tatsächlich noch eine Förderung für das Millionenprojekt: 30.000 Euro.

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