Familiär statt abgehoben

MT-Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Braun-Lüdicke im Gespräch
Eigentlich war sie Schwimmerin und das auch ziemlich erfolgreich. Eine Chlor-Allergie machte ihr im Teenageralter einen Strich durch die Rechnung. Sie versuchte es mit Tennis, musste aber schnell einsehen, dass Ballsportarten nichts für sie sind. „Gut, dass man das nicht alles selber machen muss“, sagt sie über die Jungs Ihrer Erstligamannschaft, der MT Melsungen, deren Erfolg sie in den vergangenen Jahren entscheidend prägte, ohne selbst am Spiel beteiligt zu sein. Jérôme sprach mit Barbara Braun-Lüdicke über die Faszination Handball, die Mannschaft und die Fans.

Barbara Braun-Lüdicke. Foto: Alibek Käsler

Barbara Braun-Lüdicke. Foto: Alibek Käsler

Jérôme: Sie haben nie Handball gespielt, aber eine Handballkarriere sondergleichen hingelegt. Wie sind Sie dazu gekommen?

Barbara Braun-Lüdicke: Wie die Jungfrau zum Kind. In der Zeit als wir aus Hannover wieder nach Melsungen kamen, hatten wir von Familie Schnell gelegentlich die Dauerkarten. Eine Saison über lief das so, dann waren wir infiziert – aber vollkommen. Die gesamte Familie. Für die nächste hatten wir Dauerkarten und es gab kein Halten mehr.

Jérôme: Was hat Ihnen am Handball so gefallen?

Braun-Lüdicke: Das ist so eine rasante Sportart, sehr körperbetont und es gibt kein Abseits. Nicht wie in anderen Ballsportarten. Man sitzt warm und trocken und es ist eine phänomenale Stimmung. Alle fiebern mit und es funktioniert eben nur als Mannschaft.

Jérôme: Wann sind Sie näher in das Geschehen eingestiegen?

Braun-Lüdicke: Das war Anfang der Neunziger Jahre, als der damalige Geschäftsführer sein Engagement drei Wochen vor Beginn der Saison beendet hat. Und da B. Braun Handball schon immer unterstützte, zu Regionalligazeiten schon, war das irgendwie naheliegend.

Jérôme: Und dann haben Sie gesagt, dann mach ich das halt?

Braun-Lüdicke: Nein, ich habe natürlich meinen Mann überredet. Ich fand, da musste was Gestandenes hin. Er hat sich dann auch breitschlagen lassen.

Jérôme: Wie hat sich die MT seit dieser Zeit verändert?

Braun-Lüdicke: Wie man sich denken kann, sind wir etwas professioneller geworden. Auf allen Ebenen. Es ist trotzdem, denke ich, noch ein ganz besonderer Verein in der Handball-Bundesliga.

Jérôme: Weil?

Braun-Lüdicke: Weil es immer noch familiär bei uns zugeht.

Jérôme: Da sind Sie sich treu geblieben?

Braun-Lüdicke: Ja. Wir kommen hier aus einer Gegend, wo abgehoben sein nicht so richtig hinpasst. Das wäre uns fremd.

Jérôme: Was macht die MT von heute aus?

Braun-Lüdicke: Dass trotz hoher Professionalisierung ein starker Zusammenhalt zwischen allen Beteiligten besteht. Und dass wir uns austauschen, egal ob eine Sitzung anberaumt ist oder ob wir uns auf dem Wochenmarkt am Gemüsestand treffen. Ich glaube auch, dass wir uns gegenseitig respektieren ist wichtig und dass da, wo ein Fachmann gebraucht wird, auch einer hinkommt. Ich halte nichts davon, alles selber zu können und alles selber machen zu müssen.

Jérôme: Wie stark musste sich die MT 2005 verändern, als sie in die erste Bundesliga aufgestiegen ist?

Braun-Lüdicke: Wir hatten den damaligen Aufstiegstrainer Rastislav Trtík schon im Hinblick darauf engagiert, dass wir im gesamten MT-Umfeld gesagt haben, das kann so nicht weitergehen. Immer Mittelfeld zweite Liga, da kommt ja kein Mensch. Und Rastislav Trtík war einer, der uns mit seiner Art begeistert hat und der gesagt hat, ich habe mir das Ziel gesetzt, in zwei Jahren aufzusteigen. Dass wir uns dann selber überholt haben, gut, dass kam dann schon etwas überraschend, aber nicht gänzlich unvorbereitet.

Jérôme: Die Melsunger Stadtsporthalle hat dann auch nicht mehr ausgereicht.

Braun-Lüdicke: Auch da hatten wir uns im Vorfeld schon unsere Gedanken gemacht. Man kann ja nicht sagen, wir gucken uns mal an wie die Saison so läuft und dann legen wir einen Schalter um und spielen mal erste Liga. Das geht nicht wirklich.

Dass wir heute in der Rothenbach-Halle spielen, ist übrigens Robert Hedin geschuldet.

Jérôme: Warum?

Braund-Lüdicke: Die Mannschaft war damals zur Eröffnung der Herbstausstellung zur Autogrammstunde auf dem Kasseler Messegelände. Herr Umbach hatte die Halle gerade neu gebaut und zeigte sie Robert Hedin beiläufig, als er ihn durch die Ausstellung führte. Robert sah sich um und sagte, hier könnte man eigentlich auch gut Handball spielen. Das war Anfang Oktober. Und am 27. Dezember haben wir das erste Spiel dort gespielt. Gegen Kiel.

Jérôme: Sportlich.

Braun-Lüdicke: Das war ein ganz schöner Kraftakt. Da haben alle an einem Strang gezogen – und auch noch in die selbe Richtung. Aus der Zeit stammt auch noch ein Relikt, das uns, glaube ich, in der Bundesliga einmalig macht.

Jérôme: Nämlich?

Braun-Lüdicke: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir der einzige Verein der ersten Liga sind, der einen mobilen Dopingraum hat.

Jérôme: Wie sieht der aus?

Braun-Lüdicke: Es ist ein Wohnmobil. Die Firma Oeste kommt zu jedem Heimspiel damit angereist. Aufgrund der räumlichen Situation in der Halle war das anders nicht zu lösen. Das musste ein abgeschlossener Raum sein und bestimmte Kriterien erfüllen. In einer Nebenhalle ging das auch nicht und dann kam die Idee mit dem Wohnmobil. Unsere Holländer sind ganz glücklich.

Jérôme: Welche Rolle spielt Handball für Nordhessen?

Braun-Lüdicke: Eine zunehmend größere. Man sieht das unter anderem an der Zuschauerentwicklung in Kassel. Und das Gebiet aus dem die Zuschauer kommen, ist nicht nur Nordhessen. Das reicht von Südniedersachsen bis Ostwestfalen. Es wird Fußball nicht überholen, aber so ein Aushängeschild wie die MT können schon bewirken, dass auf Handball intensiver geguckt wird.

Jérôme: Wie sehen Sie die Rolle der MT für die Identifikation mit der Region?

Braun-Lüdicke: Die hat sich enorm verändert. Zum einen durch den dauerhaften Standort Kassel, aber auch durch die Kontinuität in der Mannschaft. Wir haben nicht mehr alle Nase lang neue Spieler und bemühen uns um die Förderung von Talenten. Mit zweiter und dritter Mannschaft haben wir einen stabilen Unterbau. Das sind alles Bausteine, die dazu geführt haben, dass die Akzeptanz für Handball und die MT hier stetig gewachsen ist.

Jérôme: Was wünschen Sie sich von den Fans der MT?

Braun-Lüdicke: Ich bin beinahe wunschlos glücklich. Wer dreimal hintereinander die Halle ausverkauft hatte und wer die Stimmung beim letzten Heimspiel erlebt hat … auch gestern. Ein ganzer Bus voll Fans mit nach Nettelstedt, zum Tabellenletzten, mit acht Trommeln angereist, drei durften sie nur mitnehmen, einen Krawall gemacht, als wären da nicht 1.300 Nettelstedter, sondern als wären das alles Melsunger. Das war schon grandios. Die Unterstützung ist toll. Auch das ist gewachsen.

Jérôme: Wo soll’s noch hingehen diese Saison?

Braun-Lüdicke: Ich bin immer vorsichtig mit Prognosen. Eine gute Prognose ist immer, dass es besser wird als letztes Jahr, solange man noch nicht ganz oben angekommen ist. Wir wollen uns schon weiterentwickeln und nach Möglichkeit mindestens EHF-Cup spielen. Und wenn es zur Champions-Leaque-Quali reicht, warum nicht auch das? Probieren kann man’s ja mal.

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