Wiedersehen nach 22 Jahren

samir-und-marioHallo Mario, kennst Du mich noch?
Sie stammen aus dem gleichen Ort im früheren Jugoslawien, gehörten beide als Kinder und Jugendliche den Pfadfindern an und waren im selben Handballverein aktiv. Doch irgendwann verloren sie sich aus den Augen. Und es sollte 22 Jahre dauern, bis sie sich als erwachsene Männer in Deutschland wiedersehen. Eine Geschichte von Samir und Mario.

Trotz ihres Altersunterschieds – Samir ist Jahrgang 68, Mario Jahrgang 73, waren sie schon als Kinder eng befreundet. Dabei war ihre unterschiedliche Herkunft – Samir ist Muslim, Mario Kroate – für sie nie ein Problem. In der Pfadfindergruppe ihres Wohnortes Gradacac, einer rund 40.000 Einwohner zählenden Stadt, 60 Kilometer von Tuzla entfernt, wurde die Kameradschaft zusätzlich gefördert.

Die Kameradschaft war prägend
„Jede Menge Teamarbeit in freier Natur“ – so könnte das Pfadfinder-Motto damals gelautet haben. Offensichtlich prägte dies die beiden Jungs auch in sportlicher Hinsicht. Sie wählten sich eine Mannschaftssportart aus, wurden beide Torhüter. „Ich bin zwar der Ältere von uns beiden, aber ich habe Mario wegen seines größeren Talentes schon bewundert. Er war eindeutig der bessere Torwart“, gibt Samir heute zu. Wohl auch deshalb glaubte er seine eigene Zukunft nicht im Sport zu sehen. Er absolvierte die Schule, hing ein Technikstudium dran und verließ seine Heimat kurz vor Ausbruch des Bosnien-Krieges. Das war 1992. Samir kam nach Kassel. „Hier ging es für mich wirtschaftlich zunächst nur um’s Überleben. Ich hielt mich mit diversen Jobs in der Gastronomie über Wasser“, blickt Samir Brkic auf die ersten Jahre in der neuen Heimat zurück. 1998 klappte es dann mit einer Anstellung in seinem eigentlichen Metier. Seine Bewerbung im Baunataler VW-Werk war erfolgreich – hier hat er seitdem im Bereich Maschinenbau eine gute Stelle inne.

Internationale Karriere im Handball
Auch sein Jugendfreund Mario Kelentric fand den Weg nach Deutschland. Nur sehr viel später. Er hatte nämlich einst einen ganz anderen Weg als Samir eingeschlagen und sich seine besonderen Fähigkeiten im Handball zunutze gemacht. Mario Kelentric war in den beiden kroatischen Spitzenvereinen Medvescak Zagreb und HC Zagreb zum Nationalspieler gereift. Höhepunkt seiner Karriere war zweifellos der Gewinn des Weltmeistertitels mit Kroatien im Jahr 2003. Zuvor hatte er auf Vereinsebene bereits je vier Mal die kroatische Meisterschaft und den Landespokal errungen. Im Jahr danach kam er nach Deutschland, heuerte beim TuSEM Essen an, und gewann mit dem Traditionsclub 2005 den EHF-Pokal. Nach einem einjährigen Gastspiel in Vernon (Frankreich) kehrte Mario Kelentric nach Deutschland zurück, um zur Saison 2007/2008 das Angebot der MT Melsungen anzunehmen.

Eines Tages am Spielfeldrand …
Zur Rückrunde zog die MT dann bekanntlich nach Kassel um. Die Rothenbach-Halle ist seitdem das neue Domizil. Das Einzugsgebiet ist nun größer als zuvor in Rotenburg, mehr Handballanhänger nehmen von dem heimischen Bundesligisten Notiz. So auch ein gewisser Samir Brkic. Und so stand dieser eines Samstags im Frühjahr zum Heimspiel der MT gegen Minden plötzlich am Spielfeldrand und rief in die sich gerade aufwärmende Melsunger Mannschaft: „Mario, Mario, hier ist Samir, kennst Du mich noch?“ Doch der MT-Keeper schenkte dem Rufer an der Außenlinie zunächst keine Aufmerksamkeit. „Ich bin beim Aufwärmen schon so auf das Spiel konzentriert, dass ich kaum noch etwas um mich herum wahrnehme“, erklärt er. Doch der Besucher ließ sich nicht entmutigen und ging nach dem (gewonnenen) Spiel wieder auf Kelentric zu. „Ich bin es, Braljak“, begrüßte er ihn mit seinem früheren Spitznamen. Da machte es dann „Klick“ bei Mario und die beiden Freunde mussten sich erst einmal herzlich umarmen. Das hatten sie zuletzt in Gradacac getan. Vor 22 Jahren.

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.