Der erste Burgenromantiker

Foto: Bernd Schoelzchen

Foto: Bernd Schoelzchen

Eine phantastische Sonderausstellung im Schloss Wilhelmshöhe widmet sich der Löwenburg und der Burgenromantik, die dieser weltweit einzigartige Bau zumindest mit ausgelöst hat. Der letzte Landgraf und erste Kurfürst Wilhelm war bestimmt dies und jenes – aber auch ein Vorläufer von Walt Disney.

Prof. Dr. Bernd Küster, Chef der Museumslandschaft Hessen Kassel, ist sichtlich angetan von der Ausstellung – und noch mehr von einem großen Vorhaben, das im nächsten Jahr beginnt: „Wir werden die Löwenburg komplett restaurieren, innen und außen. Dabei wird auch der im Krieg zerstörte Bergfried, der Hauptturm, der ursprünglich das erste Gebäude war, wieder aufgebaut, so dass Kassel eins seiner Wahrzeichen in seiner ursprünglichen Form zurückbekommt, schöner denn je. Wenn alles fertig ist, können wir dort auch vom Inventar viel mehr zeigen als jetzt hier. Das ist ja zu 90 Prozent erhalten, weil es im Krieg ausgelagert war.“ 2016 soll es soweit sein. Das Ganze ist Teil des langfristigen Entwicklungsplans der Museumslandschaft Hessen Kassel, für die Löwenburg sind 25 Millionen Euro vorgesehen, der Museumsverein hat durch eine Stifteraktion Hunderttausend Euro aufgebracht.

Die Ausstellung, durch die Professor Küster mich mit sichtlichem Vergnügen führt, besteht aus zwei Teilen. Im ersten geht es um die Löwenburg selbst, im zweiten, Meisterwerke der deutschen Romantik mit Ansichten ragender Burgen in zerklüfteten Landschaften, um das, was bei Baubeginn zwar schon durch viele Köpfe von Fürsten und Künstlern spukte, durch den einzigartigen Bau aber erst richtig in Fahrt kam: Sehnsucht nach dem Mittelalter, Burgenromantik, Ritterhelden, Märchenwelten. „Diese Burgen und die Landschaften, in denen sie stehen“, erläutert Küster, „gibt es überhaupt nicht und hat es nie gegeben. Es gibt nur die Löwenburg, die tatsächlich so aussieht. Die Maler haben sich das ausgedacht, so wie die Literaten sich ein idealisiertes Mittelalter ausdachten. Davon war dann das ganze 19. Jahrhundert geprägt.“ Eine Parallelwelt zur Industrialisierung. Disneyland in Stein, Öl und Tinte.

Düsternis des Mittelalters
Mindestens zum Teil waren solche Phantasiegebilde verantwortlich für das, was dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschah: Die Männer, die das anrichteten, hatten das alles als Schuljungen aufgesogen. Goethe wusste schon, warum er die Romantik hasste. „Sehen Sie sich das an“, sagt Küster. Wir stehen vor einem Bild von Carl Friedrich Lessing, entfernt verwandt mit dem gleichnamigen Dichter, „Klosterhof im Schnee“, 1828. „Das sind ja lauter Negationen des Lebens“, hat Goethe darüber geschrieben. „Zuerst also die erstorbene Natur, Winterlandschaft; den Winter statuiere ich nicht; dann ein Kloster, zwar ein verfallenes, allein Klöster statuiere ich nicht; und nun zuletzt, nun vollends noch ein Toter, eine Leiche; den Tod aber statuiere ich nicht.“ Vier Jahre später blieb ihm nichts anderes übrig, als den Tod zu „statuieren“, weil er ihn ereilte; seine merkwürdige Verwendung des Wortes scheint mit ihm ausgestorben zu sein.

Kassels Landesfürst jedenfalls, Landgraf Wilhelm IX., später Kurfürst Wilhelm I., „statuierte“ die Düsternis des Mittelalters außerordentlich, und er hatte die Mittel, sich mit der Löwenburg so richtig auszutoben. Sonst knapste er überall herum, prüfte jede Rechnung selbst, kürzte willkürlich (das konnte er, schließlich war er ein absolutistischer Fürst), schaffte die italienische Oper und das französische Lustspiel ab, aber für die Gesamtanlage der Wilhelmshöhe verpulverte er weit über eine Million Taler, heute ein Milliardenbetrag – und hielt das geheim. Als 1793 mit dem Bau begonnen wurde, war in Frankreich gerade der König geköpft worden. Anscheinend war die Löwenburg weniger eine „romantische Träumerei“ des als sehr nüchtern geltenden Landgrafen, eher ein Legitimations- und Repräsentationsobjekt in revolutionären Zeiten, eine politische Botschaft, natürlich eine reaktionäre. Wir haben es hier schließlich mit einem Knaben zu tun, der, als er 1813 nach Vertreibung des Namenspatrons dieses Magazins auf seinen Thron zurückkehrte, die Emanzipation der Juden und die Gewerbefreiheit aufhob, dafür die Leibeigenschaft wieder einführte.

In der Ausstellung hängt ein Porträt von ihm, von Wilhelm Böttner, 1803, als er gerade Kurfürst geworden war. Drei Jahre später wickelte Napoleon das Erste Reich ab, damit war der Titel überflüssig, aber er beharrte darauf, war nun Deutschlands letzter und einziger Kurfürst; es gab bloß gar keinen Kaiser mehr, den er wählen konnte. Die Bezeichnung „Kurhessen“ war zunächst ein Schimpfwort für das Reich eines seltsamen reaktionären Spinners mit einem Titel ohne Funktion. Das Bild zeigt einen Mann mit aufgesetztem Lächeln, den man ungern zum Chef hätte. Er muss seinen Architekten Heinrich Christoph Jussow mit seinen ständigen Änderungs- und Erweiterungswünschen in den Wahnsinn getrieben haben.

Üppig und luxuriös
Viele Zeichnungen und Bilder Jussows und anderer Künstler zeigen die Entwicklung der Löwenburg. Zunächst war nur der Turm geplant, allerdings mit einem Wasserfall. Vermutlich wurde der Asch angelegt, um diesen Wasserfall zu speisen, doch aus der Idee wurde nichts. Stattdessen kam Anbau um Anbau hinzu, die Innenräume alle streng nach „höfischer Rangfolge eines absolutistischen Lustschlosses“, erläutert Küster. Es gibt einen Damen- und einen Herrenbau mit fürstlichen Wohnungen für den Landgrafen und seine Mätresse (die Gattin war selbstverständlich nicht zugegen, wenn hier gefeiert wurde; neben vier ehelichen Kindern hatte Wilhelm fast zwei Dutzend weitere mit drei Mätressen). Im Bergfried, dem Turm, gab es Festsaal, Speisesaal, Bibliothek und Galerie übereinander. Und natürlich gibt es auch sonst alles, was für einen Hofstaat notwendig war, Küchen und Kabinette, Kammern und „Privets“ (so nannte man die Klos). Eingerichtet war die Löwenburg überaus üppig und luxuriös, viele kürzlich restaurierte Stücke sind in der Ausstellung zu sehen. Wenn in vier Jahren alles fertig ist, wird fast das ganze Inventar wieder an seinem ursprünglichen Platz zu sehen sein.

Erster neogotischer Sakralbau der Welt
Und dann gibt es noch die Kapelle, wo der von seinem Werk begeisterte Bauherr sich nach testamentarischer Verfügung beisetzen ließ und bis heute ruht, als einziger aus seinem Haus. „Mit der Mittelalter-Begeisterung wurde auch die Gotik wieder hoffähig“, erzählt Küster und zeigt auf eine Zeichnung der Kapelle von Jussow. „Das ist der erste neogotische Sakralbau, den es gibt, der hat die letzten Jahrzehnte der Fertigstellung des Kölner Doms stark beeinflusst. Ja, die ganze Löwenburg ist ein Unikat, einmalig in der Welt.“ Viel mehr als nur eine pseudomittelalterliche Ritterburg. Sondern ein kulturgeschichtliches Phänomen, ein aus Stein errichtetes Präludium für etwas, das sich erst in den folgenden Jahrzehnten zur Romantik auswuchs. Die schöne Ausstellung liefert einen Vorgeschmack auf das, was uns in der Löwenburg selbst erwartet, wenn die Restaurierung abgeschlossen ist.

Die Löwenburg – Mythos und Geschichte
Schloss Wilhelmshöhe ,
Sonderausstellungsraum
bis 13. Januar 2013
10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr
Viele Sonderführungen,
Aufführungen und Angebote für Kinder

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