Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Digitale Rundgänge: unterwegs auf den Spuren der documenta

25. Juli 2018 | Von | Kategorie: Stadt 

Der öffentliche Raum der Stadt Kassel unterscheidet sich von dem anderer Städte durch seine Besetzung mit hochkarätigen Außenobjekten aus der documenta-Vergangenheit. Denn mit der schrittweisen Erschließung neuer Schauplätze hat die Ausstellungsreihe ihr städtisches Umfeld programmatisch genutzt. Ortsspezifische Kunstwerke, die kommentierend oder intervenierend in den urbanen Zusammenhang eingreifen, gehören seit 1977 zu jeder documenta. Auf der Suche nach erweiterter sozialer Wirksamkeit reagiert nämlich die Kunst zunehmend auf ihr gesellschaftlich definiertes Umfeld, um abseits der Ausstellungsräume neue Verbindlichkeit zu gewinnen. Die Geschichte der documenta ist somit auch die Geschichte ihres Ausgreifens in den Außenraum.

Auf dem Portikus des Modehauses SinnLeffers stehen „Die Fremden„ von Thomas Schütte seit der DOCUMENTA IX im Jahr 1992. Foto: Nils KlingerHohes Engagement der Bevölkerung sowie von Künstlern und Sponsoren
Obwohl alle Außenobjekte grundsätzlich temporär geplant werden, konnten bislang sechzehn prominente Installationen dauerhaft gesichert werden: Schenkungen oder Erwerbungen aus documenta 6 (1977), documenta 7 (1982), DOCUMENTA IX (1992), documenta X (1997) und dOCUMENTA (13) (2012). Bis zur d(13) ist ihr Verbleib nicht das Ergebnis einer systematischen Anschaffungspolitik, sondern auch abhängig vom jeweiligen Engagement der Bevölkerung sowie von Künstler- und Sponsorenaktivitäten gewesen. Für elf der 16 documenta-Außenobjekte, darunter das Kunstwerk 7000 Eichen, hat die Stadt Kassel als Eigentümerin Verantwortung übernommen. Die Außenobjekte unterscheiden sich in ihren Dimensionen und ihrer Materialität ebenso wie in ihren künstlerischen Intentionen. In jedem Fall aber sind sie repräsentativ für die Vermittlungsabsicht der jeweiligen Ausstellung. Sie spiegeln wichtige Etappen in der Geschichte der Weltkunstausstellung und sind zeitgemäße Beispiele für den künstlerischen Umgang mit städtischen oder landschaftlichen Räumen. Mit ihrer öffentlichen Wirksamkeit stehen die Installationen stets im Mittelpunkt des Publikumsinteresses. Erstellung und Anschaffung vollziehen sich unter kritischer Kommentierung der Bürgerinnen und Bürger. In den oftmals kontroversen Reaktionen spiegeln sich auch die wechselnden Argumente bei der Diskussion um die Kunst im öffentlichen Umfeld.

Entwicklung einer digitalen Plattform für mobile Endgeräte
Seit ihren Anfängen hat die documenta auch den öffentlichen Stadtraum als Schauplatz künstlerischer Interventionen genutzt. Sechzehn dieser bedeutenden Kunstwerke prägen bis heute als sichtbare Spuren der documenta Geschichte das Bild der documenta Stadt Kassel. Dazu gehören unter anderem die berühmten „7000 Eichen“ von Josef Beuys, der skandalumwitterte „Erdkilometer“ von Walter de Maria oder das heimliche Wahrzeichen Kassels „Man walking to the Sky“ von Jonathan Borowski. Die Stadt Kassel hat im Jahr 2016, in Kooperation mit der documenta und Museum Fridericianum gGmbH, erstmals eine digitale Plattform für mobile Endgeräte und einen Audioguide entwickelt, auf denen die historischen documenta Kunstwerke einzeln vorgestellt und in die 60 jährige documenta Geschichte eingebettet werden. Kostenlose, interaktive Führungen, die den Besucher anregen, ganz individuell, audiogestützte Rundgänge zu unternehmen und in die documenta Geschichte einzutauchen. Die digitale Plattform wird seitdem kontinuierlich weiterentwickelt.

Auswahl zwischen drei verschiedenen Parcours
Auf der Website www.documenta-historie.de oder über die App IZI Travel können Besucher mit ihrem Smartphone oder Tablet aus drei verschiedenen Parcours zu den Kunstwerken ihre Lieblingsroute auswählen. Zur Wahl stehen die Rundgänge „Friedrichsplatz“, „Staatspark Karlsaue“ und „Stadtraum“. Der digitale documenta Guide leitet die Besucher in vier Sprachen zu den Kunstwerken. An den jeweiligen Haltepunkten werden die einzelnen Arbeiten beschrieben und mit Hintergrundinformationen zu den Künstlern ergänzt. Interessierte können sowohl einem Rundgang von Anfang bis Ende folgen, als auch flexibel an einem beliebigen Kunstwerk die jeweilige Tour beginnen.

Was definiert ein documenta-Außenkunstwerk?
Hierzu liefert uns Dr. Harald Kimpel eine kurze Definition: „‘Verbliebene documenta-Außenkunstwerke‘ sind ortsspezifische künstlerische Installationen im öffentlichen Stadtraum, die von einer documenta als Exponate initiiert wurden und nach der Ausstellung durch unterschiedliche Finanzierungsweisen in Kassel verblieben sind“.

Ein Obelisk für Kassel?
„Der Magistrat der Stadt Kassel hat sich bisher für den Verbleib des Obelisken in Kassel ausgesprochen und intensiv dafür eingesetzt, denn es wäre ein Gewinn für Kassel, das Kunstwerk zu erhalten“, erklärte dazu Kassels Kulturdezernentin Susanne Völker. Vor diesem Hintergrund hatte man sich für die Finanzierung des Ankaufs mit dem Künstler Olu Oguibe auf ein abgestimmtes Vorgehen geeinigt und die Idee eines gemeinsamen Spendenaufrufs entwickelt, der im Januar 2018 veröffentlicht wurde. Nachdem die Spendensumme im Mai feststand und der Künstler erklärte, er würde die Summe als Preis für sein Werk akzeptieren, wäre die Fortsetzung des konstruktiven Dialogs unter Berücksichtigung der künstlerischen Intention sowie der städtischen Rahmenbedingungen wünschenswert gewesen, so Völker weiter. Die nächste Stadtverordnetenversammlung im Juni 2018 wird hoffentlich eine Entscheidung herbeiführen.

Die Parcours gibt es in vier im Internet Sprachen unter www.documenta-historie.de.

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